Mozart sei nicht zu spät gestorben, sondern eher zu früh, hat der Pianist Glenn Gould gesagt und damit das Blut der Klassik-Fans kochen lassen. Wie konnte es der kauzige Kanadier nur wagen? Immerhin: Gould hielt den legendären Salzburger nicht für einen Allround-Stümper. Aber er liebte nur den jungen Mozart. Der ältere habe, einige Jahre vor seinem Tod, an Originalität eingebüßt.

Rund ein halbes Jahrhundert nach der Empörung (und auch nach Goulds Ableben) ist es durchaus unterhaltsam, sich eine Beweisführung des Pianisten auf Youtube anzusehen: Als Analytiker am Klavier zugange, zerlegt er das c-Moll-Klavierkonzert von 1786 genüsslich. Dabei fördert Gould tatsächlich einige vorhersagbare Harmonieverläufe zutage. Nur: Als Rundum-Beweis für seine These ("maliziöse Frechheiten" nannte es der Kritiker Joachim Kaiser) sind ein paar mediokre Takte nicht genug - schon gar nicht angesichts der Geniestreiche rundum.

Leif Ove Andsnes Mahler Chamber Orchestra Mozart Momentum 1785 (Sony Classical)
Leif Ove Andsnes Mahler Chamber Orchestra Mozart Momentum 1785 (Sony Classical)

Ob Gould wohl noch Mozarts Schaffensjahr 1785 gemocht hätte? Der Pianist Leif Ove Andsnes lobt es jedenfalls in den höchsten Tönen und nimmt sich auf seinem neuen Doppelalbum nur Stücke des Jahrgangs vor. In der Tat machen es die drei enthaltenen Klavierkonzerte allfälligen Mozart-Skeptikern schwer. Das d-Moll-Werk mit seiner "Giovanni"-höllischen Düsternis, das C-Dur-Konzert KV 467 mit seinem Andante-Idyll und der himmlischen Leichtigkeit, dazu das nicht nur längenmäßig, sondern auch dramatisch "große" Es-Dur-Konzert: allesamt Meisterwerke, von Mozart für seine Bravourauftritte im "Clavierland" Wien gefertigt.

Eckart Runge, Jacques Ammon Revolutionary Icons (Berlin Classics)
Eckart Runge, Jacques Ammon Revolutionary Icons (Berlin Classics)

Andsnes, gleichzeitig als Pianist und Dirigent tätig, findet für diese Trias einen wohltemperierten Zugang. Der Norweger wählt weder eine überhitzte Lesart, wie sie in der Originalklang-Bewegung grassiert, noch den Tonfall unterkühlter Perfektion. Das Mahler Chamber Orchestra entfaltet auf eher zügigen Tempi einen gerundeten Sound und vermittelt die Pointenfülle der Musik in geschmeidigen Lautstärkeverläufen - ein Mozart von apollinischer Klarheit und poetischer Eloquenz. Das gilt auch für Andsnes’ Klavierspiel, das mit makelloser Technik und dosierten Akzenten brilliert. Nur in der c-Moll-Fantasie treten plötzlich betuliche Akzente auf den Plan und streichen Passagen wie mit dem Leuchtstift hervor: Achtung, interessante Stelle!

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Dennoch ein prächtiger Mozart, den Andsnes und das Orchester demnächst auch live in Wien präsentieren, nämlich vom 15. bis 17. November im Musikverein. Zudem ist ein weiteres Amadeus-Album (diesmal zum Jahr 1786) bei Sony geplant.

Was hat Beethoven mit Amy Winehouse und Jimi Hendrix zu tun, einmal abgesehen vom Musikstar-Faktor? Es ist so schwer zu beantworten wie die Frage aus "Alice im Wunderland", was einen Raben mit einem Schreibtisch verbindet. Aber sei’s drum. Der Cellist Eckart Runge und der Pianist Jacques Ammon haben nicht nur die Vierte Cellosonate und andere Beethoven-Stücke energisch eingespielt, sondern auch Hits der obigen Größen. Ein Stilbruch, aber keine Bruchlandung: Mit Jazz-Harmonien und modernen Spieltechniken angereichert, treiben die Arrangements ein reizvolles Vexierspiel zwischen Klangwelten, nicht zuletzt, wenn sich das Cello in eine greinende E-Gitarre zu verwandeln scheint.