Kit Armstrong ist ein Genie - und zwar nicht nur in der sprachgebrauchlichen Musikerbeschreibung, sondern tatsächlich: Der Sohn einer Investmentbankerin aus Taiwan spricht vier Sprachen und hat mit seinen 29 Lebensjahren, neben Musik, Mathematik, Biologie, Physik und Chemie studiert. Er war einer der wenigen Schüler des Klavierphilosophen Alfred Brendel, der ihn bezeichnete als "größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin".

Armstrong, der zu raren Gelegenheiten auch als Komponist hervorgetreten ist, entzieht sich weitestgehend der Vermarktung. Eine erste CD mit Werken von Bach und Ligeti saß zwischen den Alte-Musik-Neue-Musik-Stühlen. Seine nun vorgelegte zwei-CD-Box mit Werken der englischen Virginalisten John Bull und William Byrd ist mit Sicherheit eine der schönsten des Jahres. Den Alte-Musik-Puristen freilich wird sie die Haare zu Berge stehen lassen.

Kit Armstrong spielt Werke von William Byrd und John Bull (DG)
Kit Armstrong spielt Werke von William Byrd und John Bull (DG)

Armstrong nämlich spielt die Werke auf einem modernen Flügel. Er weiß um "historical informed performance", verweigert sich aber dem Kult der Ödnis und kostet die alte Musik sinnlich mit allen Farben des modernen Flügels aus. Nicht das museale Klangobjekt ist für ihn wichtig, sondern die völlig heutige Begegnung mit der alten Musik. Wie Armstrong Kontrapunkte verdeutlicht, ist unfassbar. Atemberaubend der Groove der alten Rhythmen, der Swing der ostinaten Bässe. Armstrong holt diese Musik in die Gegenwart, ohne ihr Gewalt anzutun, einfach dadurch, dass er sie als Musiker unserer Tage für Hörer unserer Zeit interpretiert. Kaum je hat alte Musik so frisch, so ausdrucksstark geklungen. Ein absolutes Muss!

Hans Werner Henze Das verratene Meer (Capriccio)
Hans Werner Henze Das verratene Meer (Capriccio)

Weniger erfreulich ist der Mitschnitt von Hans Werner Henzes Oper "Das verratene Meer" nach dem Roman Yukio Mishimas aus der Wiener Staatsoper.

Henze wusste um die Unebenheiten der Oper und und revidierte sie nach der Uraufführung 1989 drei Mal. Alle Erklärungen, weshalb man aus zwei der Fassungen eine Wiener-Staatsopern-Mischfassung erstellen musste, täuschen nicht darüber hinweg, dass hier das Werk keinem Stadium des Komponisten-Willens gemäß aufgeführt wurde.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Vor allem krankt die Oper an einem Orchestersatz unter Dauer-Hochdruck. An die Stelle der Lyrismen, die den "Bassariden" und dem "König Hirsch" eine geradezu beglückende Aura von lichterfüllter Italianità gaben, tritt hier ein Wühlen in düsteren Kontrapunkten, als habe Alban Berg aus seiner "Lulu" alles sinnliche Leuchten entfernt. Vom Farbenmagier Henze ist wenig geblieben. Gelang es dem Dirigenten Gerd Albrecht bei den Salzburger Festspielen, der Musik immerhin symphonische Spannung zu verleihen, ist Simone Youngs tüchtige Kapellmeisterlichkeit davon weit entfernt. So schön es dennoch ist, dieses Werk in einer weiteren Aufnahme besitzen zu können: Eine Aufführung und Einspielung des "König Hirsch" wäre eine markantere Repertoirebereicherung gewesen.

Kuriosum am Rande: Das Label Capriccio hat es nicht geschafft, das Format des Booklets mit dem des Schubers zu koordinieren. Das Ergebnis ist, dass CD und Booklet heillos feststecken. Entweder man beschädigt den Schuber, oder man stellt die Aufnahme ungespielt ins Regal. So schlecht ist sie nun aber auch wieder nicht . . . !