Ihre jüngsten Termine hatte sie abgesagt: Wegen einer Schulteroperation, gab Anna Netrebko bekannt, mussten sowohl ein Gala-Konzert des Weltstars in Wien als auch ihr Rollendebüt in Verdis "Nabucco" kurzfristig gestanzt werden. Knapp vor dem Weihnachtsgeschäft meldet sich die Wahl-Wienerin nun aber mit zwei Neuveröffentlichungen zurück. Kurios: Das erste dieser beiden Produkte, bereits im Oktober im Handel platziert, hat zwar einiges mit Genuss und Finesse zu tun, aber kaum etwas mit Netrebkos Kerndomäne, der Oper. Unter dem Titel "Der Geschmack meines Lebens" (Molden) hat die 50-Jährige ihre Lieblingsrezepte zusammengetragen und diesen Anleitungen allerlei Hochglanzbilder und Anekdoten beigemengt. Dabei erweist sich die Edelkehle, Chapeau, auch kulinarisch als Arbeiterin mit langem Atem: Aufwendige Gaumenfreuden (wie das russische Paradegericht Borschtsch) deklassieren Star- Hobby-"Köchinnen" wie Paris Hilton um Längen.

Große Leistungen bleibt Netrebko auch auf ihrem neuen Album nicht schuldig. Am vorigen Freitag veröffentlicht, trägt es einen maßgeschneiderten Titel für den Weltstar. "Amata dalle tenebre", also: "Geliebt von der Dunkelheit" heißt es - und lässt so schon die beiden Haupttugenden Netrebkos anklingen, nämlich ihren emotionssatten Vollklang und ihre Meisterschaft für düstere, gern brüsk ausgestoßene Töne am Rande zum Bühnentod. Keine Frauenstimme versteht die Opernthemen Nummer eins, Eros und Thanatos, so bezwingend zu beschwören und mitunter auch zu vereinen wie Anna Netrebko. Und ja - dieses Album zeigt sie auf dem Zenit ihrer Stimmkräfte.

Anna Netrebko Riccardo Chailly Orchestra del Teatro alla Scala Amata dalle tenebre (DG/Universal)
Anna Netrebko Riccardo Chailly Orchestra del Teatro alla Scala Amata dalle tenebre (DG/Universal)

Das bedeutet allerdings nicht, dass ihr jedes Stück dieses Zickzack-Parcours durch die Opernwelt gleichermaßen liegen würde. Am stärksten tritt dieses Problem gleich am Beginn der CD zutage, nämlich beim Lamento der Ariadne aus Strauss’ "Ariadne auf Naxos", "Es gibt ein Reich": Netrebkos Timbre, auch hier kräftig und dunkel, bleibt ein Fremdling in dieser Arie - wohl vor allem, weil ihr als Vollblut-Tragödin der überirdische, lebensferne Ton für diese Wehklage fehlt. Auch "Dido’s Lament", dieser fragile Barock-Abgesang einer Verlassenen, ist mit Netrebkos Sopran zwar interessant, aber überschwer befrachtet.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Solche Momente bleiben allerdings Ausnahmen. Die Rolle der Aida, die in "Ritorna vincitor!" zwischen Zorn und Zerbrechlichkeit schwankt, sitzt maßgeschneidert - und elementargewaltig leiden, begleitet von Riccardo Chailly und dem süffigen Scala-Orchester, Puccinis Manon und die Lisa aus Tschaikowskis "Pique Dame". Es zeugt von Netrebkos Gestaltungskunst, einer Figur binnen Minuten jenes tragische Gepräge zu verleihen, das auf Arien-Kompilationen meist Behauptung bleibt.

Überraschend auch, wie organisch sich dieser Kraftgesang in Wagners Klangfluten fügt, insbesondere in "Isoldes Liebestod", den Netrebko hier erstmals singt. Ein Vorbote für ihre Bühnenzukunft? Man wird sehen. Erst einmal muss die Schulter heilen.