Plötzlich erregt Florence Price (1887-1953) Aufmerksamkeit. Drei ihrer vier Symphonien (die Zweite ist verschollen) liegen bei Naxos vor, die Erste und Dritte kommen im Jänner 2022 mit dem Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin bei DG heraus.

Florence Price Dritte Sinfonie u.a.
Florence Price Dritte Sinfonie u.a.

Machen wir uns nichts vor: Es sind Äußerlichkeiten, von denen die Wiederentdeckung getragen wird. Als Komponistin und Afroamerikanerin passt Price in die männlich weiße Schuld-und-Scham-Haltung samt der notwendigen Aufarbeitung einer rassistischen und frauenfeindlichen Vergangenheit. Das große Aber heißt: Es ist gleichgültig, welches Geschlecht und welche Hautfarbe Price hatte und was hinter dem derzeitigen Interesse steht, denn ihre Musik ist schlicht großartig.

Das RSO Wien legt eine fulminante CD mit Werken von Florence Price vor. - © ORF / Lukas Beck
Das RSO Wien legt eine fulminante CD mit Werken von Florence Price vor. - © ORF / Lukas Beck

Price war auf gewisse Weise privilegiert: Als Tochter eines Zahnarztes und einer Musiklehrerin gehörte sie der schwarzen Oberschicht an. Sie erhielt eine profunde musikalische Ausbildung am New England Conservatory of Music in Boston und konnte mit ihren musikalischen Tätigkeiten ihren Lebensunterhalt bestreiten, wenngleich sie mitunter mit schlagerhaften Songs, die sie unter dem Pseudonym Vee Jay schrieb, Geld verdienen musste.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

2019 brachte Naxos unter Leitung von John Jeter ihre Erste und Vierte Symphonie heraus. Allerdings ließ die schwache Orchesterleistung der Fort Smith Symphony daran zweifeln, ob das bedeutende Musik ist. Jetzt aber liegen, wieder bei Naxos, die Dritte Symphonie und Orchesterwerke vor, abermals von Jeter dirigiert, nun freilich mit dem glänzenden RSO Wien. Endlich kann man sicher sein: Diese Musik gehört zum Besten, was die USA hervorgebracht haben. Einflüsse? Gewiss: Antonín Dvořák (wie bei nahezu allen US-Komponisten dieser Generation), Spirituals, Volkslieder und Tänze der Schwarzen - und sollte Price auch Anton Bruckners Bläsersätze gekannt haben? Zumindest Richard Wagner dürfte ihr geläufig gewesen sein.

Was Price aus den Elementen macht, ist fulminant, zumal sie sie mit starker eigener Persönlichkeit weiterentwickelt: Formal folgt sie akademischen Regeln, die aber erfüllt sie mit plastischen Themen, viel Farbe und Energie. Diese Musik übertrifft an konziser symphonischer Entwicklung alles, was etwa George Gershwin geschrieben hat, und ist weit frischer und charakteristischer als die der meisten akademisch ausgebildeten US-Komponisten ihrer Zeit.

Die Dritte Symphonie ist ein halbstündiges Werk mit einem dramatisch aufgeladenen ersten Satz, einem weit aussingenden Andante, einem kontrastreichen Scherzo, "Juba" überschrieben nach dem Tanz der Sklaven aus Westafrika, und einem Finale, das die Spannungen des Ersten Satzes aufgreift, ohne sie völlig zu lösen.

Weiters findet sich auf der CD die symphonische Dichtung "The Mississippi", ein Meisterwerk, dessen Farbpalette von gewaltigen Bläserchorälen bis zu knallbunter Hemdsärmeligkeit reicht, um die Vielgestalt der Flusslandschaft in Klang zu fassen.

Das dritte Werk ist vielleicht als musikalische Erklärung von Price’s Haltung zu verstehen: "Ethiopia’s Shadow in America" umfasst drei Sätze: "The Arrival of the Negro in America when first brought here as a slave", "His Resignation and Faith" und "His Adaption, A fusion of his native and acquired impulses" - was sich als Hohelied auf eine Assimilation gestaltet. Diese Musik ist berührend und ungeheuer intensiv. Sie sollte auch im Konzertsaal gespielt werden - und, ja: auch und sogar gerade in Europa.