Hans Knappertsbusch ist legendär für brillant platzierte Kraftausdrücke (zum Ersten Geiger über einen inferioren US-amerikanischen Sänger: "Für den Bariton sollte man dem Kolumbus ins Grab scheißen."), für seine Proben-Aversion (bei der Aufführung von Anton Bruckners Siebenter Sinfonie kommt der eine einzige Beckenschlag zu spät - trotz der vom Orchester verlangten Proben; Knappertsbusch: "Das habt Ihr nu' von Eurer Scheiß-Proberei!") und für extrem langsame Tempi. Die Einspielungen sind voller Ungenauigkeiten und Seltsamkeiten, erreichen bisweilen aber auch eine Intensität, mit der sich kaum ein anderer Dirigenten vergleichen kann.

Die Decca legt die kompletten regulären Aufnahmen Knappertsbuschs in zwei Boxen vor. Die "Orchestral Edition" umfasst 18 CDs, die "Opera Edition" 19 CDs. Im Folgenden ein detaillierter Überblick.

"The Opera Edition"

CDs 1-2: Ludwig van Beethovens "Fidelio"

Knappertsbusch gilt bis heute als idealer Opernkapellmeister, der seine Sänger auf Händen trägt und aufgrund seiner genauen Werkkenntnis und seiner souveränen Schlagtechnik spontan gestalten kann. Das mag stimmen, und es ist unbestreitbar, dass dieser "Fidelio" von Jan Peerce (Florestan), Sena Jurinac (Leonore), Maria Stader (Marzelline) und Gustav Neidlinger (Pizarro) fulminant gesungen wird. Knappertsbuschs langsame Tempi sind allerdings ein Problem: Mögen sie im zweiten Akt für Spannung sorgen und Beethoven in die Nähe des frühen Richard Wagner rücken, sind sie im singspielhaften Ersten Akt ein Problem. Der Gegensatz zwischen den beiden Teilen funktioniert nicht wirklich, der erste wirkt hier einfach überdehnt und langweilig.

CD 3: Richard Wagners "Tristan und Isolde", Ausschnitte

Mehr zerdehntes Sehnen als Liebesekstase spricht aus den drei Ausschnitten. Birgit Nilsson (Isolde) und Grace Hoffman (Brangäne) sind vorzüglich, die Wiener Philharmoniker spielen klangschön, aber auch mit nur pauschaler Genauigkeit. 

CD 4: Richard Wagners "Die Walküre", 1. Akt

Konzertante Aufführungen des in sich nahezu geschlossenen ersten Aktes von Richard Wagners "Die Walküre" waren durchaus üblich. Knappertsbusch gestaltet souverän die Spannungsbögen, für die er bis heute berühmt ist. Schade nur, dass Kirsten Flagstad (Sieglinde) über den Zenit hinaus ist. Set Svanholm (Siegmund) und Arnold van Mill (Hunding) hingegen gehören zum Besten, was an historischem Wagner-Gesang auf Tonträgern zu hören ist. Und das dunkle Glühen der Wiener Philharmoniker ist unvergleichlich!

CDs 5-8: Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg"   

Hans Knappertsbusch am Pult: Die Gestik beschränkt auf das musikalisch Notwendige, der Blick als Impulsgeber. 
- © Wienbibliothek im Rathaus

Hans Knappertsbusch am Pult: Die Gestik beschränkt auf das musikalisch Notwendige, der Blick als Impulsgeber.

- © Wienbibliothek im Rathaus

Eine unvergleichliche Aufnahme! Nicht nur sängerisch überragend (speziell Paul Schöffler als Sachs, Karl Dönch als Beckmesser, Anton Dermota als David und Hilde Gueden als Eva, während sich Günter Treptows Walther mit eigenartig forciertem, hohl klingendem  Tenor der Ungenießbarkeit nähert), sondern vor allem von Knappertsbuschs Seite: keine Spur von langsam, ungenau oder pathetisch. Knappertsbusch dirigiert ein flottes Tempo (das Vorspiel dauert weniger als neun Minuten), alles ist klar und durchsichtig, auf eine Parlando-Komödie ausgerichtet. Die Wiener Philharmoniker reagieren mit kammermusikalischer Durchsichtigkeit, aus der Knappertsbusch dann natürlich auch große Höhepunkte aufbaut - aber selbst die Chorpassagen des dritten Akts bleiben frei von Pathos. Eine herrliche Einspielung!

CDs 9-12: Richard Wagners "Parsifal", Bayreuth 1951

CDs 13-16: Richard Wagners "Parsifal", Bayreuth 1962

Beide Aufnamen gelten als legendär - und das zurecht. In beiden dirigiert Knappertsbusch langsame Tempi, aus denen sich gewaltige Höhepunkte entwickeln. Und außerdem: "Langsam" ist relativ. Angesichts der  Bayreuther "Parsifal"-Zeitlupenorgien (nicht nur) eines James Levine muten Knappertsbuschs Tempi durchaus vernünftig an, zumal sie von äußerster Spannung erfüllt sind. Im "Parsifal" von 1951 ist Martha Mödl eine traditionellere Kundry als Irene Dalis in der Aufnahme von 1962, Jess Thomas ist 1962 ein besserer Parsifal als Wolfgang Windgassen 1951, 1962 wirkt Gustav Neidlinger als Klingsor dämonischer als Hermann Uhde 1951, der ein Bösewicht der alten Art ist. In beiden Aufnahmen triumphiert George London als Amfortas. Knappertsbuschs Zugriffe unterscheiden  sich unwesentlich, dass die Aufnahme von 1962 durchsichtiger und schärfer konturiert wirkt, liegt wohl auch an der wesentlich besseren Aufnahmetechnik. Unbedingt hörenswert sind beide Einspielungen.

CDs 17-19: Ausschnitte aus Opern von Richard Wagner und Richard Strauss

Knappertsbusch begleitet Kirsten Flagstad, George London, Maria Reining und Paul Schöffler und erweist sich dabei als ein seinen Sängern dienender Kapellmeister. Man spürt seinen Gestaltungswillen im beharrlichen Steigerungsaufbau, kanalisiert insgesamt aber eher, was ihm die Sänger bieten, als dass er sich in den Vordergrund drängt.

Insgesamt ist diese Box wegen der drei Wagner-Gesamtaufnahmen ein unbedingtes Muss - und das keineswegs nur für Sammler historischer Aufnahmen oder Knappertsbusch-Fans.

"The Orchestral Edition"

Sosehr Knappertsbusch in den drei Gesamtaufnahmen der Wagner-Opern begeistert, so durchwachsen sind seine Aufnahmen sinfonischer Musik.

CD 1 und 3: Ludwig van Beethovens Klavierkonzerte Nr. 4 und 5, Johannes Brahms' Klavierkonzert Nr. 2

Welch seltsame Paarung: Der uncharismatische, vergrübelte Genauigkeitsfanatiker Clifford Curzon und der Charismatiker Hans Knappertsbusch. Der Pianist, der besessen an den Details feilt und jede Einzelheit hörbar machen und in einen musikalischen Zusammenhang stellen will und der Dirigent, der sich mit pauschaler Sauberkeit begnügt, wenn nur das Gesamtbild stimmt und sich die Spannungsbögen großzügig wölben. Kann das gutgehen? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Curzon seinen Part interpretiert, und Knappertsbusch legt eine hemdsärmelige Begleitung darunter, als würde ihn der Solist rein gar nichts angehen. Bei Brahms klappt das Zusammenspiel besser, wirklich gut ist es nicht.

CDs 2 und 4: Johannes Brahms' Zweite Sinfonie, Akademische Festouvertüre, Tragische Ouvertüre, Haydn-Variationen, Alt-Rhapsodie

Obwohl Knappertsbusch als der große Wagner- und Bruckner-Dirigent galt, hatte er ein Faible für deren großen Antagonisten Johannes Brahms. Die Zweite Sinfonie ist eine Wackelpartie: Das Orchestre de la Suisse Romande brauchte damals eine straffere Führung, als es Knappertsbuschs Einstellung entsprach. Die Aufführung laufen lassen und das zu bündeln, was vom Orchester geliefert wird, funktioniert nur bei Spitzenklangkörpern. Das Ergebnis ist eine allzu schwerblütige Wiedergabe.

Wie anders das funktionieren kann, zeigt die CD mit den kleineren Orchesterwerken: Die Wiener Philharmoniker laufen unter Knappertsbusch zur Hochform auf. Natürlich ist auch hier die letzte Genauigkeit nicht gegeben, Intonationstrübungen und wackelnde Einsätze gibt es zuhauf, aber der knorrige Humor der "Akademischen Festouvertüre" und der Glanz der "Haydn-Variationen" ist unvergleichlich. Die "Tragische Ouvertüre" gestaltet sich etwas zäh, aber die "Alt-Rhapsodie", in großem Bogen durchgeformt und hinreißend gesungen von Lucretia West, begeistert restlos. Kaum konnte er Singstimmen begleiten, war Knappertsbusch in seinem Element.

CDs 5-9: Anton Bruckners Sinfonien 3, 4, 5, 8; Richard Wagners "Siegfried-Idyll" und Ausschnitte aus der "Götterdämmerung" 

Zeitbedingt hat Knappertsbusch Anton Bruckners Sinfonien in den durch Franz Schalk und Ferdinand Löwe korrumpierten Fassungen kennengelernt und hielt an ihnen fest. Immerhin bekommt man dadurch die Möglichkeit, auch einmal diese heute weitestgehend aus dem Konzertleben und den Einspielungen verbannten Versionen zu hören. Auf einem anderen Blatt steht, wie gut Knappertsbuschs Aufführungen sind.

Bei der Dritten und Vierten Sinfonie erheben sich Zweifel: Schwer, voller Wagner-Pathos muten die Werke an, die Bläserchoräle ins Unmenschliche übersteigert, mehr Blechpanzer als der gotische Dom, der bei Bruckner so oft zum Vergleich herhalten musste. Dass Knappertsbusch aber das kontrapunktische Gestrüpp der "Fünften" zu herrlich klingender Musik macht, ist bemerkenswert, und die "Achte" ist überwältigend: Der für seine langsamen Tempi legendäre Dirigent leitet eine sehr vernünftig fließende Aufführung, das Adagio etwa liegt mit knapp 28 Minuten im normalen Bereich - und wie Knappertsbusch diesen ausladenden Satz mit immer neuen Steigerungen aufbaut, ist tatsächlich so unvergleichlich wie der ekstatisch gesteigerte Energiestrom des Finales. Trotz der Fassung ist das eine Bruckner-Interpretation, die man kennen sollte.

Unglücklich macht hingegen das schier endlos zerdehnte "Siegfried-Idyll" Richard Wagners, dessen Schwächen umso stärker auffallen, je langsamer das Tempo, je wagnerischer der Interpretationsansatz ist. Bei "Morgendämmerung und Siegfrieds Rheinfahrt" und "Siegfrieds Trauermarsch" ist Knappertsbusch in seinem Element: Wagner mit allem Pathos und aller Kraft - was will man mehr?

CD 10: Richard Strauss' "Don Juan" und "Tod und Verklärung"

Knappertsbusch, der Zeitlupen-Dirigent? Seine Einspielung von Richard Strauss' "Don Juan" dauert gerade einmal 17 Minuten. Noch flotter, klingt das Werk überhastet (wie bei George Szell). Knappertsbusch legt eine Parade-Aufführung hin, die atemlos zurücklässt. Das Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire de Paris funkelt in allen Farben der Bläser, körnige Holzbläser, vibratoreiche Trompeten, glanzvolle Streicher. Knappertsbusch fühlt sich merklich wohl bei diesem Virtuosen-Orchester - und das Orchester bei ihm. Hier eine minimale Verzögerung, da hurtig voran, eine kaum merkliche Atempause, nur um die Steigerung noch perfekter ansetzen zu können - diese Einspielung ist geradezu beglückend. "Tod und Verklärung" in derselben Dirigent-Orchester-Paarung, mit knapp 21 Minuten ebenfalls ziemlich flott, hält dieses Niveau: Knappertsbusch gibt die Impulse und lässt das Orchester schwelgen und stürmen, ohne merkliche Eingriffe kanalisiert er die Energieströme. Das Ergebnis ist eine Aufführung, in der äußerste Brillanz des Klanges und Natürlichkeit eine perfekte Verbindung eingehen. Minimale Ungenauigkeiten im Zusammenspiel kann man angesichts dieser hinreißenden Klangfarbenorgien durchaus hinnehmen.

CD 11-16: Ausschnitte aus Werken Richard Wagners 

Genau genommen, hätten diese sechs CDs auch gut in der Opern-Box Platz gehabt, aber die Decca wollte offenbar zwei ungefähr gleich umfangreiche Boxen auf den Markt bringen. Knappertsbusch hat nahezu während seiner gesamten Karriere Ausschnitte aus Opern Wagners aufgenommen. Die frühesten stammen aus dem Jahr 1927, die letzten aus dem Jahr 1962. Eine wirkliche Entwicklung zeichnet sich nicht ab: Allenfalls werden die Tempi etwas langsamer. Aber Paradestücke wie die Ouvertüren zu "Die Meistersinger" und "Der fliegende Holländer" bleiben eher flott, und 1962 dirigiert der angebliche Langsamkeitsfanatiker Knappertsbusch das Vorspiel zu "Parsifal" in knapp 12 Minuten.

Natürlich sind die Aufnahmen aus den 1920er Jahren technisch zu schwach, um mehr aus ihnen ableiten zu können als eine Tempodramaturgie. In den späteren Einspielungen zeigt Knappertsbusch seine bekannten Vorzüge, nämlich die Stücke wie aus einem Guss zu formen, meist mit einem Höhepunkt als Ziel, der in mehreren Anläufen erklommen wird, wobei jeder dieser Anläufe aus dem vorangegangenen Energie mitnimmt. Es fallen aber auch Schwächen auf: Um Genauigkeit kümmert sich Knappertsbusch wenig, freilich fängt er alles ab, was aus dem Ruder zu laufen droht. Die Gestaltung aus dem Moment heraus hat dabei viel für sich, zumal, wenn aus ihr solche Bögen resultieren. Insgesamt lässt sich daraus ablesen, welche Tugenden ein deutscher Kapellmeister dieser Generation, sofern er, anders als etwa Wilhelm Furtwängler, über eine souveräne Schlagtechnik verfügte, in die Musik Wagners einbringen konnte. Man zieht daraus die Lehre, dass heute wohl genauer gearbeitet wird, aus dem Hochglanz-Klein-Klein oder den wohleinstudierten Exzessivitäten so vieler moderner Dirigenten aber nicht zwangsläufig bessere Musik entsteht.

CDs 17 und 18: Leichte Klassik mit Werken von Johann Strauß Vater und Sohn, Karel Komzák, Carl Michael Ziehrer, Peter I. Tschaikowski, Franz Schubert, Carl Maria von Weber und Otto Nicolai 

Peter I. Tschaikowskis "Nussknacker-Suite" unter Knappertsbusch - das ist ein Glücksgefühl! Walzer und Märsche, etwa der "Radetzky-Marsch", die "Tritsch-Tratsch-Polka" oder "Geschichten aus dem Wiener Wald" nimmt Knappertsbusch ernst, und man wird das Gefühl nicht los, dass er in diese Aufnahmen mehr Probenzeit investiert hat als in so manchen Wagner oder Bruckner. Was er aus diesen Stücken macht, ist unfassbar - Karel Komzáks "Bad'ner Mad'ln" werden da gar zu einem herrlichen Bewegungsrausch. Seltsam: Kein "Donauwalzer", kein "Kaiserwalzer", aber was tut's? Dafür Carl Maria von Webers "Aufforderung zum Tanz" und Otto Nicolais Ouvertüre zu seiner Spieloper "Die lustigen Weiber von Windsor" als Finale: Das ist so unglaublich beschwingt und flott, so graziös und prickelnd, dass einem unwillkürlich wieder einfällt, welch humorvoller und eleganter Mensch dieser Hans Knappertsbusch war. 

So durchwachsen diese beiden Boxen sein mögen: Sie bringen in technisch denkbar guter Aufbereitung (und in kundigen Begleitbooklets) einen der legendären Dirigenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahe. Das ist nicht nur Stoff für Liebhaber historischer Aufnahmen und Knappertsbusch-Fans, sondern Interpretationsgeschichte, klingendes Abbild eines der großen Charismatikers, der zugleich auch noch, ungeachtet seiner Eigenheiten, ein souveräner Kapellmeister war. Musik bedeutete für ihn ein Glücksgefühl, das man nicht in Proben einstudieren kann. Es lässt sich anhand dieser beiden Boxen nachvollziehen, und in vielen Fällen überträgt es sich auch auf den heutigen Zuhörer.