Welch ein Sänger! Wolfgang Holzmair feierte in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. (Es sei das auch von Wikipedia gehütete Geheimnis verraten: am 27. April war’s.) Zu diesem Anlass veröffentlichte die Decca soeben alle Aufnahmen Holzmairs für Philips - was mühelos möglich ist, man ist ja mittlerweile in der Großfamilie Universal gelandet. Macht 13 CDs mit einem Repertoire, das Klassisches ebenso enthält, wie es in Nischen hineinleuchtet, und alles in geradezu überwältigender interpretatorischer Qualität.

Der in Vöcklabruck geborene Bariton überzeugte an den Opernhäusern der Welt nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten und seinem guten Aussehen. Seine wahre Heimat aber war der Konzertsaal. Vielleicht nahm er das von seiner Lehrerin Hilde Rössel-Majdan mit, die ebenfalls auf der Bühne glänzte, aber ihr Bestes in den Vokalwerken des Konzertbetriebs gab.

Wofgang Holzmair
Wofgang Holzmair

Der Klang von Holzmairs Bariton ist schlank und nimmt der Höhe zu, ohne merklichen Lagenwechsel, eine tenorale Färbung an. Das Bemerkenswerte ist, was Holzmair mit diesem schönen Material macht: Er moduliert den Klang seiner Stimme in einem Ausmaß, dass man bisweilen meint, zwei unterschiedlichen Sängern zuzuhören. Franz Schuberts "Erlkönig" in Holzmairs Interpretation ist schlicht unüberbietbar (nur leider in der Box nicht enthalten).

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Dazu kommt Holzmairs perfekter Umgang mit dem Wort: Er verzichtet auf die nachdrückliche Wortdeutlichkeit der Dietrich-Fischer-Dieskau-Schule, die über all der Konsonantenverliebtheit über Sinnzusammenhänge hinwegsingt, sondern entwickelt seinen Vortrag lieber aus einem Sprechduktus, bei dem alles auf natürliche Weise verständlich bleibt.

Damit zu dem beglückenden Inhalt dieser Box: Natürlich gehören die drei großen Schubert-Zyklen ("Schöne Müllerin", "Winterreise", "Schwanengesang") dazu, obendrein, heute schon etwas weniger natürlich, zwei CDs mit Werken Robert Schumanns (darunter "Liederkreis", "Dichterliebe" und Kerner-Lieder), unter die Holzmair auch Lieder von Schumanns Frau Clara mischt. Dann sind da noch Lieder von Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven - wer singt denn das sonst noch?

Weiter im unüblichen Repertoire: Robert Franz, Aribert Reimann, vereinzelte Lieder von Hans Pfitzner, Felix Mendelssohn-Bartholdy, vieles aus Frankreich: Hector Berlioz, Gabriel Fauré, Ernest Chausson, Henri Duparc, Maurice Ravel.

Dann wäre da noch das gesamte "Hollywood Songbook", in dem Hanns Eisler im US-Exil Zwölftöniges und (Schein-)Tonales mischte, wobei Holzmair fein differenziert zwischen Lied- und Songtonfall.

Vor allem aber legt Holzmair eine der besten Interpretationen von Ernst Kreneks sperrig-tonalem Meisterwerk, dem "Reisebuch aus den österreichischen Alpen" hin mit Charme, Atmosphäre, kabarettistischem Witz, Lokalkolorit und romantischer Schwärmerei. Die sieben "Fiedellieder" Kreneks sind quasi eine (begeisternde) Zugabe - und eine echte Rarität. Es tut auch unendlich gut, das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms mit Elizabeth Norberg-Schulz (Sopran) unter der wahrhaft inspirierten Leitung Herbert Blomstedts in der Box zu finden.

2014 zog sich Holzmair aus dem Konzertbetrieb zurück - klug auch das: Er war immer noch auf dem Höhepunkt und wählte seinen Abschied zu einem Zeitpunkt, als man ihn noch längst nicht missen wollte. Weshalb Holzmair so begeisterte, belegt diese Box Lied für Lied. Absolut unverzichtbar!