Möglich, dass früher einiges besser war. So manche Unsitte grassiert aber seit Zeiten, als die Menschen noch Puder und Pluderhose trugen. Stichwort: "Wiedersehen macht Freude." In den 1720er Jahren hatte Johann Sebastian Bach die Noten eines prächtigen "Sanctus" einem gewissen Grafen Sporck in Böhmen ausgehändigt. Der schien die Partitur allerdings so ähnlich zu betrachten wie ein Nachbar heute einen hergeborgten Hammer, nämlich als eine Dauerleihgabe - weshalb Bach einen neuen Stimmsatz erstellen musste, um sein kostbares Material wieder zum Klingen zu bringen.

Barockliebhaber wissen: Aus diesem "Sanctus" sollte, über eine Zeitspanne von 25 Jahren, die Messe in h-Moll hervorgehen, ein Zentralmassiv, wenn nicht dasNonplusultra der geistlichen Musik. René Jacobs hat dieses kunstvolle Gotteslob bereits vor 30 Jahren mit dem Rias Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin aufgenommen. Nun hat er es in der gleichen Besetzung erneut eingespielt und beschert dennoch eine Überraschung. Der belgische Barockspezialist hat ein ausgefeiltes Konzept ersonnen und spaltet die Sänger in drei Gruppen: in einen großen Chor für die gravitätischen Passagen, einen kleineren für die expressiven; und die fünf Solisten bestreiten nicht nur ihre Arien, sondern als Quintett auch einige Chorstellen. Dabei treten diese Gruppen nicht nur einzeln auf, sie dürfen auch immer wieder mit- und gegeneinander singen - im Sinne eines "vokalen Concerto grosso".

J. S. Bach Mass In B Minor (harmonia mundi)
J. S. Bach Mass In B Minor (harmonia mundi)

Das hat sein Für und Wider. Der offensichtliche Nachteil: Das Stimm-Splitting kostet den Chor etwas von seiner Kompaktheit. Der Vorteil wiederum: Weil jede Gruppe von einem anderen Standplatz aus arbeitet, ergeben sich reizvolle Raumeffekte - gewissermaßen ein 3D-Kino für die Ohren. Und: Die Auftritte der Solisten, vital anzuhören, wirken durch dieses Wechselspiel auch ein wenig organischer in die Messe eingebunden.

Mozart, Hummel, Vanhal Sophie Dervaux (BerlinClassics)
Mozart, Hummel, Vanhal Sophie Dervaux (BerlinClassics)

Erfreulich auch, dass Jacobs auf ätherische Chorklänge setzt, mitunter anzuhören wie lichtdurchflutete Wolken, zugleich aber keinen Narren am Trend zur möglichst minimalen Besetzung gefressen hat. So bürgt der Rias Kammerchor (vor allem ab dem "Sanctus") für die gebotene Prachtentfaltung, während sich die Begleitinstrumente eher diskret in das Stimmgeschehen einfügen. Auch anderweitig eine wohltemperierte Aufnahme: Schwellende Spannungsbögen vermitteln Emotionen, ohne in eine plumpe Rufzeichen-Ästhetik zu gipfeln. Ein Abbild menschlicher Hoffnungen und Nöte, gezeichnet mit der gebotenen Gottesfürchtigkeit.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Freunden des Fagotts sei zu einer Aufnahme von Sophie Dervaux geraten: Die Solistin der Wiener Philharmoniker präsentiert sich mit drei Stücken, die, erfreulich im Fall eines Underdog-Instruments, auch tatsächlich für dieses geschrieben worden sind. Eine Wohltat das Mozartkonzert in B-Dur: Dervaux gestaltet die Partie mit seidig-geschmeidigem Legato und lässt die Edelaromen des langen Holzrohrs mit dem clownesken Image zutagetreten. Dass sie hier zudem das Mozarteumorchester Salzburg leitet, verleiht dem Album eine lyrische Qualität und adelt auch das Zweite Fagottkonzert des Mozart-Zeitgenossen von J. B. Vanhal - obwohl diese Ausgrabung kein Pflichtkandidat für das Langzeitgedächtnis ist.