Endlich der "Schuhu"! Ist es vermessen, wenn man sagt: Als DVD wäre es noch schöner? Oder spukt da nur diese wunderbare Aufführung von Udo Zimmermanns Oper im Gedächtnis herum, die, inszeniert von Harry Kupfer, seinerzeit, 1979 nämlich als Gastspiel der Staatsoper Dresden, bei den Wiener Festwochen zu sehen war?

"Der Schuhu und die fliegende Prinzessin" folgt einem Kunstmärchen des DDR-Autors Peter Hacks, der eine sehr persönliche Überblendung von Brecht und Goethe, Shakespeare und der DDR-spezifischen Lyrik etwa eines Johannes Bobrowski und dem Balladentonfall eines Wolf Biermann unternahm. Hacks richtete seine Erzählung in Zusammenarbeit mit Uta Birnbaum für die Bühne ein. Daraus destillierte Zimmermann das Libretto. In die Erlebnisse des Vogelmenschen Schuhu verpackt sind Kapitalismuskritik, Pazifismus und Liebe, denn der Schuhu verliebt sich in die fliegende Prinzessin, die Tochter des Königs von Tripolis. Die Situationen sind bizarr, es gibt eine Seeschlacht mit 3.000 Schiffen, übelgesinnte Bürgermeister, Rätselfragen. Märchentypisches wird zitiert und zugleich ironisiert.

Udo Zimmermann Der Schuhu und die fliegende Prinzessin
Udo Zimmermann Der Schuhu und die fliegende Prinzessin

Zimmermann, im Repertoire mit seiner Kammeroper "Weiße Rose", gehörte zu den Komponisten der DDR, die alle Errungenschaften der westlichen Avantgarde kannten, sie aber nicht zum Selbstzweck einsetzten.

Den Feuilletonisten des freien Westens war solch ein Zugang ein Dorn im Ohr, gefordert war ja, im Irrglauben, dass größere Komplexität automatisch Fortschritt und höheren Wert bedeutet, eine Musik, die sich dem unmittelbaren Verständnis entzieht.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Udo Zimmermann (1943-2021) machte jedoch, wie zahlreiche Komponisten der DDR, etwa Paul Dessau, Siegfried Matthus oder Rainer Kunad, das genaue Gegenteil: Sie bauten ihre komplexen Strukturen so, dass sie aus dem Zusammenhang heraus unmittelbar verständlich waren als gleichsam sprechende Musik.

Auch der "Schuhu" steht auf solch avanciertem Fundament: Zwei gleich besetzte bläserstarke Kammerorchester sind links und rechts neben der Bühne platziert und spielen einander ihr Material zu. Rückgriffe auf barocke Cantus-firmus- und Concerto-grosso-Techniken kombiniert Zimmermann mit aleatorischen Elementen, Collagen und Zitaten von Bach bis zu Schlagern. Bunt ist das alles, aber auch lyrisch kantabel. Mit der klaren Stimme einer ironischen Distanz berichtet diese Musik von Romantizismen, denen sie sich, trotz aller Verträumtheit in den Zwiegesprächen des Schuhu mit der Prinzessin, doch nicht hingibt. Das Resultat ist von tatsächlich märchenhafter Schönheit.

Bisher gab es lediglich eine Einspielung des Werks, noch zu DDR-Zeiten unternommen, und wie so oft keine Gesamtaufnahme, sondern eine Kurzfassung durch den Komponisten, die auf zwei Schallplattenseiten Platz hatte. Auch die nun vom Theater Chemnitz vorgelegte Einspielung folgt einer vom Komponisten erstellten auf etwas über zwei Stunden Spieldauer gekürzten Fassung. Die Aufführung ist fulminant, sowohl in den mit Andreas Beinhauer und Marie Hänsel besetzten Titelrollen als auch in sämtlichen Nebenrollen. Die Robert-Schumann-Philharmonie agiert unter Diego Martin-Etxebarrias Leitung so präzise wie klangschön. Dass der Aufnahme ein vollständiges Libretto beiliegt, hat heute Seltenheitswert, kann nicht genug gerühmt werden und ist ein weiterer Pluspunkt einer Einspielung, auf die man sich unbedingt einlassen sollte.