Das Konzept ist - nun, jedenfalls ungewöhnlich. Statt drei Liederalben mit ein und demselben Begleiter einzuspielen und dabei auf einen Mann vom Fach zu setzen, hat Matthias Goerne seine CDs bei der Deutschen Grammophon mit verschiedenen Stars der Pianistenzunft aufgenommen: Nach Arbeiten mit Jan Lisiecki und Seong-Jin Cho endet der Zyklus nun mit Daniil Trifonov an den Tasten. Ein Einfall aus der Marketingabteilung, so nach dem Motto: Vier Stars sind besser als ein großer Sängername?

Dem ließe sich natürlich widersprechen. Erstens sind es meist die langjährigen Musikerpaare, die Kunstlieder tiefschürfend interpretieren. Zweitens ist der Gedanke, dass ein Klaviervirtuose automatisch auch ein guter Liedbegleiter sein müsste, schon etwas merkwürdig. So als würde man vom Rennfahrer Lewis Hamilton annehmen, dass er auch einen ausgezeichneten Chauffeur abgeben würde.

Matthias Goerne. 
- © Marie Staggat

Matthias Goerne.

- © Marie Staggat

Wie tut sich Daniil Trifonov mit dem Funktionswechsel? Nun, der Russe meistert diese vielleicht größte Unterforderung seiner Virtuosenkarriere mit Anstand. Er meidet die Extreme, lässt die Musik sängerfreundlich dahinfließen, setzt am Flügel jedenfalls keine betulichen Akzente der Marke "He, hier begleitet ein Weltstar!" (hat man von anderen Tastentigern schon erlebt).

Matthias Goerne, Daniil Trifonov Lieder
Matthias Goerne, Daniil Trifonov Lieder

Die großen Gesten bleiben somit Matthias Goerne überlassen, und der Deutsche setzt sie mit gestalterischer Intelligenz und der überbordenden Schönheit seiner Stimme. Goernes Alleinstellungsmerkmal bleibt die Betörungskraft seines butterweichen Baritons, die Geschmeidigkeit seiner Legatolinien - aber auch die Fähigkeit, diese Klangwelt jäh zugunsten von martialischen Brusttönen zu verlassen. Der 55-Jährige beherrscht den bruchlosen Übergang zwischen diesen Extremen, vermag sich während eines Wimpernschlags vom Schöngeist in einen Wüterich zu verwandeln: Diese Kontraste kommen ihm hier nicht zuletzt bei Schumanns "Dichterliebe" zupass, diesem romantischen Zickzackkurs zwischen lyrischer Versonnenheit und kolossalem Weltschmerz. Goerne gelingt es aber auch, in den herben "Gesängen" op. 2 von Alban Berg Momente von unverhoffter Zartheit zu entdecken, bevor sich die Dezibelwogen wieder mächtig hochschaukeln.

Lilit Grigoryan, Karolina Errera
Lilit Grigoryan, Karolina Errera

Überhaupt zeigt sich der Bariton auf diesem Album risikofreudig, präsentiert nämlich auch Schostakowitschs "Michelangelo-Suite" und Hugo Wolfs "Michelangelo-Lieder": zwei todesdüstere Raritäten, am Ende der beiden Komponistenkarrieren entstanden.

Auch das Album der Bratschistin Karolina Errera und der Pianistin Lilit Grigoryan verbindet Romantik mit den Dissonanzen der Moderne. Hier steht allerdings ein Werk des 20. Jahrhunderts im Zentrum, nämlich Benjamin Brittens "Reflections on a Song of Dowland" - eine Kette von elf Kleinoden, die auf ein barockes Thema reagieren. Mitunter zirpt diese Musik zart im Rahmen der Tonalität dahin, mitunter sprengt sie ihn schroff. Dass hier jede Variation Charisma entfaltet, ist den Interpretinnen zu verdanken: Errera begeistert mit einem Sound, der zwischen aschgrauen Trauertönen und bittersüßen Melodiebögen changiert, Grigoryan glänzt als Pianistin mit Sinn für Nuance und Klangfluss.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.