Es ist halt ein Jammer! Begabt ist die Pianistin Schaghajegh Nosrati, aber sowas von begabt! Nicht nur eine fabelhafte Technikerin, das sind heute praktisch alle, die sich klaviermäßig auf ein Podium wagen, sondern sie hat die Fähigkeit, mit ihrem Anschlag Farbeffekte zu erzeugen, Akkorde und Stimmen zu differenzieren.

Und dann nimmt sie sich den ersten Band von Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertem Klavier" vor. Davon gibt’s gefühlte 3.712 Aufnahmen, von denen – also, bei 50 hab‘ ich zu zählen aufgehört – im Handel sind. Schaghajegh Nosrati, 1989 in Bochum geboren und Schülerin von Ewa Kupiec und András Schiff, macht alles richtig: Federnder Anschlag, der nicht trocken ist, hebt Stimmen mehr durch Gewicht als durch Lautstärke hervor, verleiht der Musik eine Klarheit frei von Manierismen, und vor allem nützt sie die Möglichkeiten des modernen Flügels, um ihre Vorstellungen von Bachs Musik zu verdeutlichen.
Diese Aufnahme ist somit als glänzender Nachweis für Schaghajegh Nosratis Können zu werten.

Johann Sebastian Bach

Das wohltemperierte Klavier 
Avi

Johann Sebastian Bach
Das wohltemperierte Klavier

Avi

Für den Repertoirewert sieht die Sache anders aus: Solange das "Wohltemperierte Klavier" in Einspielungen von Pianisten wie Till Fellner, Friedrich Gulda, Angela Hewitt, Evgeni Koroliov, Svjatoslav Richter und so weiter greifbar ist, reiht sich Schaghajegh Nosrati, so gut sie ist, als eine unter unzählig vielen ein.

Béla Bartók

Das gesamte Werk für Soloklavier 
Decca

Béla Bartók
Das gesamte Werk für Soloklavier

Decca

Womit sich, gerade bezüglich Einspielungen, die Frage der Repertoiregestaltung erhebt: Wäre es nicht sinnvoller, wenn es denn schon Zyklen sein müssen, Frank Martins "Préludes" aufzunehmen? Oder George Migots "Zodiaque"? Oder die Zyklen von Einojuhani Rautavaara? Würde das nicht die Pianistin fester im Bewusstsein verankern als noch eine Aufnahme des "Wohltemperierten Klaviers"?

Gut ist die Einspielung – aber es bleibt der Zweifel, ob sie notwendig ist.

Absolut notwendig hingegen ist die Zoltán-Kocsis-Béla-Bartók-Box, die von der Decca neu aufgelegt wurde. Kocsis war eines der großen Ausnahmetalente unter den Pianisten des 20. Jahrhunderts, ein Musiker, der es wie kaum ein zweiter verstand, auf spezifische stilistische Eigenheiten von Komponisten einzugehen. Man muss nur seine Interpretation von Bartóks "Im Freien" hören, um zu erkennen, wie groß Kocsis war: Was in den Noten nach scharfer Dissonanz aussieht, klingt bei Kocsis nach Farbe, nach Pikanterie, man glaubt, diese Musik riechen, schmecken zu können, sie in fantastischen Bildern zu sehen. Es ist die sinnlichste Umsetzung von Bartóks Vorstellungen, die man sich denken kann.

In der Box enthalten ist Bartóks gesamtes Werk für Soloklavier ohne die Werke für Klavier und Orchester, aber inklusive dem "Mikrokosmos", und bei Kocsis zeigt die Klavierschule, dass sie auch genuine Konzertmusik ist. Und wie Kocsis das "Allegro barbaro" spielt, ist sowieso unvergleichlich. "Barbarisch" ist das Tempo, aber Kocsis suggeriert dem Zuhörer zusätzlich eine melodische Linie, unter der die rhythmische Bewegung weiterläuft, als wären drei Hände am Werk. Es ist schlicht faszinierend!