Das klassische Musikleben der USA ist weiß. Nur bei den Gesangssolistinnen und -solisten wird es bunter. Schwarze Komponisten und schwarze Dirigenten sind aber nach wie vor Ausnahmeerscheinungen. Es ist auffällig, dass die sehr starke Oper "Troubled Island" des schwarzen Komponisten William Grant Still seit ihrer Uraufführung 1949 nur eine einzige weitere Produktion erfuhr. Die Opern des Richard-Strauss-Zeitgenossen Harry Lawrence Freeman sind völlig verschwunden. Ausschnitte von "Voodoo" lassen erahnen, dass eine Wiederbelebung spannend wäre.

Einzig um "Treemonisha" des Richard-Wagner-begeisterten Ragtime-Genies Scott Joplin ist regelrecht ein Kult entstanden. Verständlich, denn allein der Inhalt des 1910 fertiggestellten Werks ist bemerkenswert: Nicht nur spielt es in einem rein schwarzen Milieu, sondern es zeigt, wie sich Menschen durch Bildung sich von Tricksern befreien, die mit Aberglauben ihre Geschäfte machen. Die Bildung wird obendrein durch eine Frau, nämlich die Titelgestalt verkörpert, die am Schluss zur Führerin ihrer Community gewählt wird.

Scott Joplin
Scott Joplin

Was nach erhobenem Zeigefinger klingt, ist in Wahrheit bunt und vital, musikalisch brillant mit glänzend formulierten Arien und Ensembles, mitreißenden Chören und zündenden Ragtimes. "Treemonisha" steht etwa auf dem Niveau der besten Franz-von-Suppé-Operetten, was nur der als Herabsetzung versteht, der das Genie eines Suppé nicht erkennt.

Philip Glass
Philip Glass

Freilich war "Treemonisha" Joplins Schmerzenskind. Er selbst hat keine komplette Aufführung erlebt. Seine originale Instrumentierung ging verloren. Der (weiße) Third-Stream-Komponist Gunther Schuller instrumentierte "Treemonisha". In seiner Version kam das Werk zu Aufführungsehren - und einer Schallplatteneinspielung der Deutschen Grammophon.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Nun legt Rick Benjamin bei New World Records seine eigene Rekonstruktion der angeblich originalen Instrumentierung vor. Takt für Takt merkt man, um wieviel Schuller bessere Arbeit geleistet hat. Bei Benjamin klingt das dünne Ensemble nach Salon-Orchester, das Werk dadurch klein. Es mutet an als die Arbeit eines Komponisten an, der zuviel wollte. Bei Schuller klingt es nach einem Komponisten, der sein Ziel erreicht hat.

Weiße USA: Die Metropolitan Opera legt auf DVD ihre Produktion des "Akhnaten" von Philip Glass vor. Die rituelle Starre des Librettos und die minimalistischen Repetitionsmuster der Musik spiegeln einander perfekt, der Sonnengesang ist von bemerkenswerter Schönheit. Dirigentin Karen Kamensek setzt das Werk ideal um, die Musik verströmt tranceartige Ekstase, weil Soli, Chor und Orchester die Rhythmen mit faszinierender Präzision ausführen.

Am Schluss bleibt dennoch ein schaler Geschmack zurück: Hat Carl Orff solch eine quasi-kultische Vision von Musiktheater nicht weit früher auf weit höherem Niveau erfüllt? Der Unterschied zwischen "Antigonae" oder "Prometheus" und "Akhnaten" ist der, dass Orff nach wiedererweckter Antike klingt und Glass nach einem Ägypten-Souvenir. Das mag ja immerhin auch ein paar Euro wert sein.