Er hat die Zeichen der Zeit früh erkannt. Während sich viele deutsche Juden in der Hoffnung wogen, der Antisemitismus von Adolf Hitler werde in der Praxis nicht so schlimm kommen, hatte der jüdische Komponist und Dirigent Paul Frankenburger seine Koffer gepackt. Schon 1933 verließ er als Mittdreißiger sein Heimatland und emigrierte in das damalige Palästina - ein Ortswechsel, der so ziemlich alles im Leben Frankenburgers änderte.

Hatte er bisher Musik im Gefolge der deutschen Romantik geschrieben, nahm er am neuen Lebensmittelpunkt den hebräischen Nachnamen Ben-Haim an (Sohn des Heinrich) und erfand sich auch auf dem Notenpapier neu. Statt weiter auf deutschen Spuren zu wandeln, vertiefte er sich in die schillernde Schönheit jüdischer und arabischer Melodien und begann, die Früchte dieses klingenden Neulands mit traditionellen Formen abendländischer Tonkunst zu verbinden.

Paul Ben-Haim
Paul Ben-Haim

Das führte zu hübschen Ergebnissen, wie eine neue CD der Bayerischen Kammerphilharmonie dokumentiert. Das Album präsentiert Werke für Streichorchester aus den Jahren 1945 bis 1956 - eine bedeutsamen Zeitspanne für Ben-Haim, wie es im Booklet heißt: Die Jahre umfassen nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern als zweite frohe Botschaft auch die Gründung des israelischen Staates im Jahr 1948; gleichwohl hatten die Schrecken der Schoa die Menschen tiefgreifend traumatisiert.

Bogdan Laketic
Bogdan Laketic

Ben-Haims Streichermusik aus jenen Jahren kennt den Optimismus ebenso wie das Lamento. Mit seinem Streichkonzert op. 40 ist ihm ein besonders hübscher Hybrid aus europäischer Formgebung und orientalischer Färbung geglückt. Auffallend dabei: Die Tendenz zum polyphonen Stimmgefüge. Sie verleiht dieser Musik mitunter etwas Abstraktes, fast Kühles. Dem gegenüber stehen sinnliche, orientalisch gepfefferte Melodien, die gern auch von Folklore-Rhythmen befeuert werden. Ein Mix also aus erdigen Tönen und gefinkelter Kontrapunktik, der ein wenig an Béla Bartók erinnern kann.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Wobei - der Vergleich lässt sich nur bedingt ziehen. Ben-Haim streift nämlich nur hie und da an der Grenze der Tonalität an, löst diese nicht immer wieder herb auf, wie der ungarische Zeitgenosse. Schön auch an Ben-Haims Musik: Dass sie sich auf lyrische, versonnene Gesänge versteht, im Handumdrehen aber auch Momente von flehentlicher Intensität erreichen kann wie in dem "Pastorale Variée" für Harfe, Streichorchester und Soloklarinette - letztere einnehmend von Bettina Aust gespielt.

CD-Tipp Nummer zwei dieser Woche gilt Bogdan Laketic - schon allein deshalb, weil er beherzt gegen ein Klischee ankämpft. Nein, ein Akkordeon muss nicht unbedingt Straßenmusik oder Heurigenseligkeit bedeuten. Laketic hat die Klaviersonaten in As-Dur und e-Moll von Joseph Haydn für Ziehharmonika bearbeitet und bringt diese beiden musikalischen Stimmungsaufheller dynamisch wendig zur Geltung. Erstaunlich auch, dass auf diesem Solo-Album die "Sechs kleinen Klavierstücke" von Arnold Schönberg erklingen. Erstaunlicher aber noch, dass die Klangfarben und Haltenoten des Akkordeons diesen herben Miniaturen eine schlüssige Wirkung verleihen.