Daniel Harding, Assistent von Simon Rattle und Claudio Abbado, war um die Jahrtausendwende der Shooting Star. Nicht nur wegen seiner Pilotenlizenz munkelte man vom neuen Karajan. Das ist er nicht geworden. Eine feste Größe ist der 48-jährige Brite, der derzeit das Schwedische Radiosinfonieorchester als Chefdirigent führt, dennoch geblieben.

Mit diesem Orchester nahm er nun die drei großen Orchesterliederzyklen seines Landsmanns Benjamin Britten auf: "Les Illuminations" für Tenor und Streicher, "Serenade" für Tenor, Horn und Streicher und "Nocturne" für Tenor, sieben obligate Instrumente und Streicher. Harding ist einer der Interventionisten unter den Dirigenten. Seine große Begabung besteht darin, auf einen Blick Details in Partituren zu erkennen, über die andere wegdirigieren. Harding will das alles hörbar machen. Es gelingt ihm - aber nicht immer zum Vorteil der Werke.

Benjamin Britten Les Illuminations, Serenade, Nocturne (harmonia mundi)
Benjamin Britten Les Illuminations, Serenade, Nocturne (harmonia mundi)

Am wenigsten gelungen ist der heikle Zyklus "Les Illuminations" nach Arthur Rimbaud. Britten komponierte ihn für Sopran und Streicher, und obwohl Britten selbst ihn mit seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears, aufführte und einspielte, bedarf es einer Sopranstimme, um die eigenartig gespannt vibrierende Sensualität, die Schönheit beschwört und zugleich das Dunkle unter ihrer Oberfläche sucht, klanglich adäquat zu realisieren.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Auf der Harding-Einspielung müht sich der Tenor Andrew Staples nicht nur mit den hohen, weitbogigen Kantilenen, er kommt auch mit der französischen Sprache nicht zurecht. Harding legt einen seltsamen Streicherklang unter die Stimme: dünn und herb. Seine Tempi sind entweder zu schnell ("Villes") oder allzu spürbar gedehnt ("Départ"). Kaum aber, dass Harding die Musik fließen lässt ("Interlude", "Being Beauteous"), stellt sich auch die sinnliche Schönheit ein.

Ein ähnliches Bild gestaltet sich in der "Serenade" mit dem fulminanten Hornisten Christopher Parkes. "Hymn" ist überhastet, "Sonnet" gedehnt und voller Manierismen in der Dynamik, aber da ist auch die überwältigende Intensität von "Elegy" und "Dirge". Staples hält sich eng an Pears‘ Interpretation - was ein Vorteil ist, denn Britten hat dieses Werk so eng der Stimme und Ausdrucksweise seines Lebensgefährten angeschmiegt, dass ein grundlegend anderer Zugang nur bei Peter Schreier wirklich von Erfolg gekrönt war.

Das "Nocturne" ist das Stiefkind unter Brittens Liederzyklen: eine Nachtmusik wie die "Serenade", noch dunkler aber, spröde bis auf das von Gustav Mahler beeinflusste letzte Lied, ein Zyklus, der viel Alptraumhaftes beschwört.

Ausgerechnet dieses Werk gelingt auf dieser CD am besten. Mit einem Mal haben die Streicher die gesamte Bandbreite von dünner Nervosität über fahle Nachtklänge bis zu sinnlichem Aufblühen, die Soloinstrumente melden sich mit gebotener Virtuosität und Ausdruckskraft, selten hat man die Pauken in "But that night" so erregend gehört, und Staples gewinnt dem Tenorpart, der weit weniger herkömmlich melodiös geschrieben ist als in "Les Illuminations" und der "Serenade" eine enorme Expressivität ab. Harding lässt die Musik ohne störende Einmischungen fließen, auch die langsame letzte Nummer strömt unaufhaltsam dem Höhepunkt zu, der tatsächlich Erschütterung auslöst.

Viele schöne Momente gibt’s in den beiden anderen Zyklen, aber wegen des "Nocturne" ist diese CD ihr Erscheinen wert.