Jedem sei ein langes Leben gewünscht und gegönnt! Bei Künstlern kann es sich freilich nachteilig auf die Reputation auswirken.

So im Fall des tschechischen Komponisten Josef Bohuslav Foerster, dessen fünf Sinfonien eben bei MDG in einer aufnahmetechnisch sensationellen Einspielung erschienen sind.

Foerster, am 30. Dezember 1859 in Prag geboren, starb am 29. Mai 1951 in Nový Vestec. Man stelle sich vor: Mit dieser Lebensspanne hätte sich Wolfgang Amadeus Mozart mit Richard Wagner über dessen "Tannhäuser" und Modest Mussorgski mit Richard Strauss über dessen Wandel vom "Elektra"- zum "Rosenkavalier"-Komponisten unterhalten können. Gustav Mahler hätte, obgleich hochbetagt, die Uraufführung von Carl Orffs "Antigonae" dirigieren können.

Josef Bohuslav Foerster Sinfonien 1-5 (MDG)
Josef Bohuslav Foerster Sinfonien 1-5 (MDG)

Hält man sich das vor Augen, wird man die Nase weniger rümpfen über Josef Bohuslav Foerster.

Einem 1859 geborenen Komponisten kann man schwerlich einen Vorwurf machen, wenn er, musikalisch sozialisiert in einer von Wagner, Johannes Brahms und, national gesehen, Bedřich Smetana und Antonín Dvořák beherrschten Welt, einer Romantik treu bleibt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Foerster verbrachte lange Jahre im Ausland, unter anderem, da er die deutsche Sprache perfekt beherrschte, in Hamburg als Musikkritiker. Er erfuhr ermutigenden Zuspruch von Peter Iljitsch Tschaikowski, bei seinen Jahren in Wien freundete er sich mit Mahler an. Wäre Foerster um 1910 gestorben, hätte man kaum ein stilistisches Problem mit ihm. So aber fixiert sich das Augenmerk auf das Todesdatum, die Musik Foersters scheint unzeitgemäß, veraltet, uninteressant. Zumal sie, und das ist tatsächlich eigentümlich für einen tschechischen Komponisten, nur wenig Kolorit besitzt.

Selbst in der gewichtigen Dritten Sinfonie, "Das Leben", fragt man sich als Zuhörer, ob man die scheinbar "typisch tschechischen Wendungen" auch als solche identifizieren würde, wüsste man nicht, dass der Komponist Tscheche ist.

Die Erste Sinfonie, insgesamt die leichteste der fünf, hat noch die stärksten Dvořák-Einflüsse. Aber schon die Zweite spricht eine Sprache der romantischen Internationale mit Einflüssen von Wagner, Franz Liszt und, im Scherzo, Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Vierte, "Ostern", scheint die bedeutendste zu sein: Die Sätze "Kalvarienberg", "Karfreitag eines Kindes", "Einsamkeit" und "Der Sieg am Karsamstag" entwerfen Bilder von großer Schönheit und Ausdruckskraft, die Mystik ist frei von Kitsch, das Finale ein unpathetischer Freudentaumel. Die fünfte Sinfonie, "In memoriam filii", bringt Rückblick und Trauer gefasst und transzendiert zum Klingen - am ergreifendsten wohl in der ausweglosen Bewegung des schnellen Satzes.

Die frühe, vollblütig romantische Natursinfonie "In den Bergen" ergänzt die Aufnahme.

Das Osnabrücker Symphonieorchester ist glänzend disponiert, wenngleich der letzte Bläserglanz, die letzte Streichersinnlichkeit fehlen, was aber die unfassbare Aufnahmetechnik wettmacht: Durchhörbar und doch voll klingt das. Der Dirigent Hermann Bäumer hält die Musik im Fluss und baut schöne Spannungsbögen zu den Höhepunkten.

Da ist tatsächlich ein Komponist zu entdecken - ob seine sinfonischen Dichtungen vielleicht das bessere Material dafür gewesen wären, ist eine müßige Frage. Dass derzeit keine einzige von ihnen greifbar ist, könnte für Bäumer und das MDG-Label immerhin ein Grund sein, noch etwas folgen zu lassen in Sachen Josef Bohuslav Foerster.