Die sogenannte "originale Aufführungspraxis" vergällt einem mit ihren vibratolosen Streichern, pfeifenden Flöten, stumpfen Trompeten und distonierenden Hörnern mittlerweile nicht nur die Musik des Barock. Längst bemächtigt sich dieser Unfug auch der Romantik. Das Konzept triumphiert über die Musikalität, es "historisch richtig" zu machen, steht vielfach höher als die Interpretation, die mangels Dirigenten von der Größe eines Herbert von Karajan, Rafael Kubelik, Leopold Stokowski oder Leonard Bernstein ohnedies im Alltag einer kapellmeisterlichen Tüchtigkeit verschwindet.

Um zu ermessen, was dieses vermeintliche "Richtig-Machen" einem Werk antun kann, braucht man nur den ersten Satz der Einspielung von Franz Schuberts Neunter Sinfonie unter René Jacobs zu hören. Entweder war Schubert ein miserabler Komponist ohne Ahnung vom Aufbau eines Werks, von Instrumentierung, von Stimmführung, oder das ganze Konzept ist Quatsch.

Johannes Brahms

Johannes Brahms

Leider verfallen auch hervorragende Musiker dieser Modeerscheinung, und das ohne Notwendigkeit. Adam Fischer hat mit dem Danish Chamber Orchestra Mozarts komplette Sinfonien und drei Opern aufgenommen, darunter befindet sich eine fulminante Einspielung des "Idomeneo".

Nun legt er die vier Sinfonien von Johannes Brahms vor - und das ist nun gar nicht gelungen.

Gustav Mahler
Gustav Mahler

Das Danish Chamber Orchestra spielt zwar auf modernen Instrumenten, das aber mit allen Marotten der "originalen Aufführungspraxis". Der Streicherkörper ist wesentlich zu dünn besetzt, das nahezu vibratolose Spiel erzeugt einen anämischen Klang ohne Sinnlichkeit, das Hervorheben von Nebenstimmen zuungunsten der Hauptstimmen wirkt sich nachteilig aus.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Wer Brahms als klingende Analyse hören möchte, wird freilich auf hohem Niveau bedient, dass Fischer und sein Orchester das alles können, ist unbestreitbar, und die klare, durchhörbare Aufnahmetechnik unterstützt das perfekt.

Was François-Xavier Roth allerdings Mahlers Vierter Sinfonie antut, ist schlicht unbegreiflich. Auf der Haben-Seite steht der vierte Satz. Wie Sabine Devieilhe das singt, ist absolut unvergleichlich: Sie bewahrt die Naivität des Tonfalls, der aber bei Wortwiederholungen dann doch in Expressivität umschlägt, als sei plötzlich der Inhalt dessen bewusst geworden, was Mahler da an Worten komponiert hat. In der Funktion eines reinen Begleiters kann Roth die Musik auch nicht ruinieren, er besitzt viel zu viel musikalische Anständigkeit, als dass er gegen die Solistin agieren würde.

Allerdings agiert er drei Sätze lang gegen den Komponisten. Mahler auf Originalinstrumenten klingt grauenhaft! Permanent macht Roth auf sein Konzept aufmerksam: Tempo halten, wo andere Dirigenten modifizieren, Tempo modifizieren, wo andere a tempo spielen. Crescendi und decrescendi werden entweder übertrieben oder unterdrückt, die Balancen verschoben, auf dem Höhepunkt des langsamen Satzes erahnt man die Trompeten mehr, als dass man sie real hört. Anders machen, heißt die Devise. Das Ergebnis ist wohl mehr originell als original. Bleibt die Frage, wie ein so begabter Dirigent wie Roth auf solche Abwege geraten kann.