Fragt man Klassikfans, mit welchem toten Komponisten sie gern einen Abend verbringen würden, dürfte der Name Karol Szymanowski ziemlich selten fallen. Das liegt zum einen daran, dass die Bekanntheit des Polen in scharfem Gegensatz zur Popularität von Landsleuten wie, sagen wir, Skispringer Adam Małysz steht. Es liegt aber auch daran, dass Szymanowski (1882-1937) unter Connaisseuren einen zwiespältigen Ruf genießt, denn ihm werden einige unangenehme bis hässliche Eigenschaften nachgesagt. Folgt man biografischen Quellen, reichte die Liste dieser Attribute von wehleidig, kritikresistent, großmäulig, verschwenderisch, unverlässlich bis hin zu dem schockierenden Umstand, dass Szymanowski vermutlich ein pädophiler Homosexueller war.

Nun muss ein fragwürdiger Charakter aber nicht zwangsläufig auch ein schlechter Künstler sein; das gilt für das Operngenie Richard Wagner, und es hat auch im Fall von Karol Szymanowski seine Bewandtnis. Wer es schafft, ein Werk von seinem Urheber zu trennen - eine leider schwindende Kunst heutzutage! -, kann im Fall des Polens ein durchaus reizvolles Oeuvre entdecken. Die komplexen Aromen seiner Klangsprache stehen in einem Naheverhältnis zu Alexander Skrjabin, aber auch Igor Strawinski und Claude Debussy; es ist eine Musik aus dem Niemandsland zwischen dem Reich der Tonalität und einem Neuland der entfesselten Dissonanz im Dienste der Ausdruckskraft. Und: Es ist nicht zuletzt eine schillernde, sinnliche, sexy Tonkunst - gewissermaßen das klingende Pendant zu einem farbenprallen, ornamentlastigen Klimtgemälde mit hübschen Nackedeis.

Krystian Zimerman
Krystian Zimerman

Der Meisterpianist Krystian Zimerman hat zu Szymanowski nicht nur aus Staatsbürgerschaftsgründen Bezug: Sein Lehrer Arthur Rubinstein (1887-1982) zählte zu den frühen Förderern und Freunden des exzentrischen Komponisten. Nun schließt Zimerman an dieses Engagement an. Es ist kein Geringes, dass er dieser komplexen Klangwelt ein ganzes Album gönnt und dafür die (an Wagnissen eher uninteressierte) Deutsche Grammophon gewonnen hat.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Das vorliegende Klavieralbum enthält aber nicht nur dornige Dissonanzen, sondern auch rosige Harmonien - denn es bietet auch Frühwerke Szymanowskis auf. Dessen op. 1 schreibt noch ganz die grazile Klaviermusik Chopins fort; sein op. 10 erweist sich als Virtuosenstück reinsten Wassers, das mit brillanten Klangwasserfällen mitreißt, aber auch mit der romantischen Bittersüße Rachmaninows aufwartet. Um wie viel kühner da die "Masques" - mit ihren schroffen, auch schillernden Gesichtern, hochenergetisch und erotisch überspannt. Den Höhepunkt bilden aber wohl die "Mazurken" mit ihrem Mix aus Folklore und Avantgarde, Wucht und Delikatesse. Dass sich diese Kontraste so stimmig verbinden, ist nicht zuletzt dem feinnervigen Zugriff Zimermans zu verdanken. Ein Meisterstück des Pianisten, der seinen jüngst abgesagten Abend im Musikverein wohl im Frühjahr 2023 nachholen wird.