Der Engländer Michael Tippett (1905-1998), dessen Oper "A Midsummer Marriage" in einer fulminanten Neueinspielung vorliegt, war eine der eigenbrötlerischsten Gestalten der an eigenbrötlerischen Gestalten reichen Musik des 20. Jahrhunderts: Während des Zweiten Weltkriegs verweigerte er nicht nur den Militärdienst, sondern auch die Truppenbetreuung und ging dafür ins Gefängnis. Ende der 1930er Jahre erlitt er aufgrund seiner unverarbeiteten Homosexualität einen Zusammenbruch, aus dem ihn eine jungianische Analyse herausführte. Stand Tippett dem Trotzkismus nahe, entwickelte er nun eine Philosophie auf der Basis des jungianischen Dualismus und seiner Archetypenlehre, wobei sich Tippett auf den Schöpfer konzentrierte, dem er ein quasi-göttliches Wesen zubilligte. Vieles in Tippetts Werken ist Ausdruck dieses gedanklichen Überbaus.

Musikalisch durchläuft Tippett eine extreme Wandlung. In ihr geht es dabei weniger um (anfängliche) Tonalität und (spätere) Atonalität, eher um eine Grundhaltung: Zuerst basieren die Werke auf üppigen Polyphonien nach Renaissance-Modellen und motivischen Verarbeitungstechniken Beethovens. Dann dünnt Tippett die Linien immer mehr aus und entwickelt einen übergangslosen Dualismus aus Statik und Bewegung auf engem Raum, schroff dissonant, angereichert mit Bluesharmonien und zarten Echos außereuropäischer Musik.

Michael Tippett
Michael Tippett

Die Oper "A Midsummer Marriage", 1955 in Covent Garden mit Joan Sutherland in der weiblichen Hauptrolle uraufgeführt, stammt aus Tippetts erster Schaffensperiode. Sie ist energiegeladen, voller eingängiger Melodien, nervös fiebert das Orchester, bis dann der Monolog der Wahrsagerin Sosostris in Klängen gipfelt, die an Richard Wagners Erda erinnern. Die Musik prunkt mit allen Künsten des Kontrapunkts und der instrumentalen Farben.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Die Achillesferse dieser fast beispiellos schönen Oper ist allerdings, wie in allen seinen Bühnenwerken, das von Tippett selbst getextete Libretto. Tippett schwebte eine Art "Zauberflöte" vor. Gegenwart und Vorzeitliches, Reales und Fantastisches treffen aufeinander. Das Hochzeitspaar Mark und Jennifer soll von den "Alten", Hütern eines Tempels im Wald, mit rituellen Tänzen geehrt werden. Doch Mark verlangt einen neuen Tanz. Der schlägt fehl und löst eine Kette von Prüfungen für das Paar aus, die sich in einem naiven Buffo-Paar spiegeln. Auch Jennifers Vater, der Älteste des Tempelvolks und eine Wahrsagerin greifen in die Handlung ein - nur: Warum das alles geschieht, weiß keiner genau. Am Schluss ist viel von Sperma und Zeugung die Rede. Die Musik dazu ist glorios.

Bisher lag die Oper in zwei Aufnahmen vor: als technisch inferiorer Mitschnitt der Uraufführung und als mustergültige Einspielung auf der Basis einer Covent-Garden-Neueinstudierung unter Colin Davis in einer seiner Sternstunden. In der neuen dirigiert Edward Gardner kühler und kleinteiliger als Davis. Das Orchester agiert in den rasanten Streicherpassagen vielleicht etwas genauer. Gesungen wird schön, nur sind, dem Zug der Zeit folgend, die Stimmen weder individuell noch durchschlagskräftig. Das ist der Grund, weshalb die Einspielung unter Colin Davis, derzeit auf Lyrita erhältlich, unübertroffen bleibt. Dass man dieses Werk freilich in einer zweiten Einspielung haben möchte, die andere Aspekte betont als die der Energieströme (etwa den lyrischen Fluss und die Feinabstimmung der Klangfarben), versteht sich von selbst. Unverzichtbar!