Dass Mozart nicht über 35 Geburtstage hinauskam, weiß so ziemlich jeder. Dass Schubert noch kürzer auf Erden weilte, ist dagegen weniger bekannt: Der Lockenkopf mit den runden Augengläsern konnte lediglich 31 Lebensjahre vollenden, bevor ihn Typhus ins Grab beförderte.

Der sensible Wiener - und das mag über seine kurze Vita hinwegtäuschen - hinterließ dafür einen gewaltigen Werkkorpus: Das Deutsch-Verzeichnis umfasst insgesamt annähernd tausend Werke, einen Löwenanteil machen dabei die Lieder aus: Mehrere hundert Stück sind es, ihre Quantität und Qualität haben ihren Verfasser in den Rang eines "Liederfürsten" erhoben.

Matthias Goerne Schubert Revisited
Matthias Goerne Schubert Revisited

Seinen namhaftesten Interpreten findet dieser Aristokrat heute wohl in Matthias Goerne. Der deutsche Bariton hat sich auf insgesamt elf Alben (Harmonia Mundi) den einschlägigen Stücken gewidmet und erweist ihnen nun auch beim Label Deutsche Grammophon Reverenz - doch diesmal in einer überraschenden Darreichungsform. "Schubert Revisited" verzichtet auf die ursprüngliche Klavierbegleitung und verwendet stattdessen Orchester-Arrangements, die der Pianist Alexander Schmalcz ersonnen hat.

Kilian Herold & Hansjacob Staemmler
Kilian Herold & Hansjacob Staemmler

Eine Pioniertat ist dies freilich nicht. Bereits Romantiker wie Brahms, Berlioz und Liszt hatten Schuberts ausdruckspralle Kammermusik in Orchesterkleider gehüllt, im 20. Jahrhundert leistete der deutsche Komponist Hans Zender einen schillernden Beitrag: Seine "Winterreise" folgt Schuberts musikalischer Route weitgehend, lässt hier und da allerdings grelle Dissonanzen aufleuchten.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Schmalcz verzichtet auf derlei Beigaben. Das lässt sich so oder so sehen. Positiv betrachtet: Es beweist Respekt vor den Originalen, dass diese Neufassungen für ein kleines, klassisches Orchester gesetzt sind und Schuberts Tonsatz um keine einzige fremde Note ergänzen. Andererseits: Sie wirken dadurch auch ein wenig fad. Und sie haben trotzdem dasselbe Problem wie frühere Orchestrierungen: Schuberts Lieder besitzen gerade darum eine bezwingende Kraft, weil sie das Publikum so geradlinig anspringen, weil sie mit sparsamen, schnörkellosen Mitteln arbeiten- und diese Kraft verliert sich dann leider auch in der Schmalcz-Version, so apart diese von der Kammerphilharmonie Bremen gespielt wird. Nichtsdestotrotz begeistert Matthias Goerne als starkes Schubert-Sprachrohr: Seine geschmeidigen Legatobögen, seine kremige Mittellage und die gern grimmig eingesetzten Bassnoten vermitteln ein farbenprächtiges Kaleidoskop der Emotionen.

Das Album "Vienna 1913" beleuchtet ein Schlüsseljahr der Moderne, Klarinettist Kilian Herold und Pianist Hansjacob Staemmler widmen sich dabei unter anderem Alban Bergs "Vier Stücken für Klarinette und Klavier" - einem Juwel, das bisweilen expressionistisch schillert, meist aber mit versonnenen Melodiebögen im Grenzgebiet der Tonalität fasziniert: kurze Musiknummern von delikatem Schliff. Bemerkenswert aber auch ein gänzlich andersartiges Stück, nämlich die romantische Klarinettensonate von Egon Kornauth: Musik ohne Innovationsdrang, aber mit entzückenden Melodien.