Carl Orff: Gisei – Das Opfer. Wergo, 1 DVD, ca. 29 Euro.
Carl Orff: Gisei – Das Opfer. Wergo, 1 DVD, ca. 29 Euro.

(eb) "Gisei - Das Opfer" ist das Werk eines Achtzehnjährigen. Selbstverständlich hat Carl Orff zu diesem Zeitpunkt seinen auf Repetitionen und rhythmischen Impulsen basierenden Eigenstil noch nicht entwickelt. Dennoch: Man stelle sich vor, Orff hätte keine "Carmina burana" geschrieben und keine "Antigonae" - er hätte just im Stil von "Gisei" weiterarbeiten können und wäre ein bedeutender Komponist geworden. Denn diese Tragödie nach einem japanischen Drama entfesselt in rund einer Stunde einen musikdramatischen Sog, der in der zeitgenössischen Literatur nicht viel seinesgleichen hat. 1913 - da ist Richard Strauss’ "Elektra" vier Jahre alt, und Claude Debussy ist ein lebender Zeitgenosse. Orff komponiert völlig auf dem Niveau dieser Zeit: mit heftigen Kontrastwirkungen, kühn erweiterter Harmonik, raffinierten Farben. Mitunter scheint es, als nähme er Arnold Schönbergs "Erwartung" vorweg. Die Aufführung des Staatstheaters Darmstadt in der Regie von John Dew ist mustergültig und weist die Repertoirefähigkeit des Werks nach.