Was für eine Erscheinung. Die Rede ist natürlich von Edita Gruberova, die der Wiener Staatsoper einmal mehr einen ausverkauften Abend bescherte. Noch dazu mit einem Liedrecital, das ein interessantes, logisches Programm von Franz Schubert über Hugo Wolf zu Richard Strauss zu bieten hatte.

Die erste Hälfte des Abends gelang der slowakischen Nachtigall mit der Lizenz zur ewigen Jugend zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig. Lautmalerisch, ohne wirkliche Diktion und mit einer eigenwilligen Intonation versehen hub sie zu Schuberts Italienischen Canzonetten an. Auch wenn die beiden Suleikas höchst anders klangen, spätestens beim Gretchen am Spinnrade wurde es dem jedenfalls begeisterten Publikum deutlich: Die Diva legte hier ein zutiefst persönliches, verletzliches Zeugnis ab. In aller Einfachheit, fast demütig, verneigte sie sich vor dem Komponisten - die Klavierbegleitung von Alexander Schmalcz gelang geschmackvoll, sein warmer Anschlag unterlegte den noch immer prächtigen Diskant der Diva bestens.

Postromantische Heimat

In Hugo Wolfs Dramoletten vom Gärtner bis zum Elfenlied blühte Gruberova gestalterisch auf. Und ja, sie ist einfach in der Welt der Postromantik beheimatet. In Ausschnitten aus Richard Strauss Opus 68 ließ sie ihrem unnach-
ahmlichenStimmglanzfreienLauf. Als Dank für Blumen und Ovationen zu "meinem wahrscheinlich letzten Liederabend in Wien" gab es Zugaben von der virtuosen Eva Dell’Acqua bis zu amüsantem Carl Millöcker (herrlich selbstironisch: "Ach, wir armen Primadonnen" aus "Der arme Jonathan").