• vom 27.07.2017, 16:20 Uhr

Kulturpolitik

Update: 27.07.2017, 17:55 Uhr

Salzburger Festspiele

Das Recht als Schutz vor Macht




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Von Judith Belfkih

  • Der Festspielredner Ferdinand von Schirach warnte bei der Eröffnung vor der "Schwarm-Bosheit".

Festspielredner Ferdinand von Schirach warnte vor Schwarmintelligenz als politischer Methode: Sie sei "am Ende nur ein weiterer Modebegriff für die ganze hässliche Macht des Stärkeren".

Festspielredner Ferdinand von Schirach warnte vor Schwarmintelligenz als politischer Methode: Sie sei "am Ende nur ein weiterer Modebegriff für die ganze hässliche Macht des Stärkeren".© apa/Neumayr/mmv Festspielredner Ferdinand von Schirach warnte vor Schwarmintelligenz als politischer Methode: Sie sei "am Ende nur ein weiterer Modebegriff für die ganze hässliche Macht des Stärkeren".© apa/Neumayr/mmv

Salzburg. Die Phänomenologien der Macht, ihre vielen Gesichter, ihre verzweigten, dubiosen Kanäle und heimtückischen Fratzen sowie das Nachdenken über eben diese Mechanismen zieht sich als programmatischer Faden durch die diesjährige Ausgabe der Salzburger Festspiele. Das künstlerische Leitmotiv von Markus Hinterhäusers erster Saison prägte auch den Reigen an Reden bei der offiziellen Eröffnung am Donnerstag in der Felsenreitschule.

Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler begrüßte die internationalen Gäste zu einem Treffpunkt für alle "für die Kunst ein Lebensmittel ist". Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer nutzte seine Rede für ein "Plädoyer für die Schönheit" in Zeiten von Kommerzialisierung, Kitsch und Dauerberieselung. Diese "Schönheitszwangsbeglückungen" habe uns die Schönheit "verdächtig gemacht", beklagte Haslauer. Er wünsche sich ein neues Bekenntnis zu Schönheit jenseits der Zweckmäßigkeit. Dass künstlerische Schönheit auch einen guten Zweck erfüllen darf, stellte unterdessen das bestens gelaunte Mozarteumorchester unter seinem neuen Chefdirigenten Riccardo Minasi unter Beweis und bespielte die Felsenreitschule mit Schwung, Frische und Eleganz aus der "Suite für Varieté-Orchester", die Lust auf die heurige Festspielschiene "Zeit mit Schostakowitsch" machte.


Dass der Wahlkampf bereits in den Startlöchern scharrt, zeigte sich durch das beinahe geschlossene Auftreten der scheidenden Bundesregierung, allein der Kanzler fehlte. Kulturminister Thomas Drozda zog in seiner Rede nicht nur Bilanz über seine bisherige Amtszeit, er beschäftigte sich in seiner Rede mit den sich wandelnden Mechanismen der Macht in digitalen Zeiten: "Es liegt an uns, die Kraft eines neuen digitalen Humanismus heraufzubeschwören", um mit der "Unsichtbarkeit und Ortlosigkeit" der heutigen Machtstrukturen umzugehen und sie mitzugestalten. Die Kunst bezeichnete er in diesem Prozess als unverzichtbaren "Ort der Herzensbildung" und dadurch als "Schlüsseldisziplin des digitalen Zeitalters".

Die zornige Macht des Volkes
Auch der Festredner, der deutsche Autor und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, befasste sich mit den Mechanismen der Macht in digitalen Zeiten, genauer mit der Basis aller Demokratie, der Macht des Volkes. "Was geschieht, wenn sich die Mehrheit wieder für das Böse entscheidet?", durchzog als Leitgedanke seine Rede. Eindringlich führte er die Gefahren der viel gepriesenen Schwarmintelligenz vor Augen, die sich teilweise als Dummheit und gerade in digitalen Zeiten als leicht zu schürende Bosheit der Mehrheit präsentiere. Schwarmintelligenz sei, und das werde in Sozialen Medien überdeutlich, "am Ende nur ein weiterer Modebegriff für die ganze hässliche Macht des Stärkeren".

Nicht die direkte Demokratie habe uns "Siege über uns selbst", über das unethische Tier Mensch, erringen lassen, sondern unsere "Achtung vor unserem Nebenmenschen", die sich schließlich in Magna Carta und Bürgerrechten und in Verfassungen manifestiert hat. Diese Siege gelte es zu schützen - nicht nur gegen Tyrannen, sondern auch gegen den "angeblichen Willen des Volkes". Denn: "Der Volkszorn ist unberechenbar, er ist wild und brutal und kann jederzeit aufgestachelt werden, eine kleine Kränkung reicht dafür aus." "Gerade in diesen aufgeregten Zeiten müssten wir also das Recht gegen die Macht stellen." Es sei unser einziger Schutz - vor uns selbst.

Auch Bundespräsident Van der Bellen warnte davor, es sich in den "Echokammern des digitalen Biedermeier gemütlich" zu machen, mahnte den Schutz von Minderheiten als den Indikator der Qualität von Demokratie ein und stellte Herzensbildung einmal mehr über Vermögensbildung. Empathie, so Van der Bellen, sei immer noch die wichtigste "Voraussetzung für politische Stabilität". Der abschließende Wunsch des Bundespräsidenten beschränkte sich daher weder auf die Festspiele noch auf die Kunst: das Herangehen an die Welt "mit offenen Augen, offenen Ohren und offenen Herzen".




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Dokument erstellt am 2017-07-27 16:27:09
Letzte ńnderung am 2017-07-27 17:55:18



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