• vom 01.03.2018, 12:30 Uhr

Kulturpolitik


Festspiele Erl

"Schweinerei erster Ordnung"




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  • Erls Festspielpräsident Haselsteiner ortet "Verleumdungskampagne" - Gewerkschaft sieht Handlungsbedarf - "art but fair" erstattet Anzeige.

Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner

Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner© apa/Georg Hochmuth Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner© apa/Georg Hochmuth

Erl. Mit scharfen Worten hat nun Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner auf die schweren Vorwürfe gegen die Festspiele Erl und deren Künstlerischen Leiter Gustav Kuhn gekontert. Die Anschuldigungen seien eine "Schweinerei erster Ordnung", sagte Haselsteiner. "Wir sind offensichtlich Opfer einer Verleumdungskampagne", zeigte sich der Industrielle erbost. Der ehemalige LiF-Politiker und Neos-Unterstützer ortete politische Motive des Tiroler Bloggers Markus Wilhelm, auf dessen Homepage die Vorwürfe veröffentlicht worden waren. Die "politische Stoßrichtung" sei gewesen, die ÖVP und Landeshauptmann Platter knapp vor der Tiroler Landtagswahl zu treffen. Die Festspiele hätten dabei als "Instrument" gedient.

Die Vorwürfe von angeblichem Lohn- und Sozialdumping, Lohnwucher, Scheinselbständigkeit und dergleichen seien schon "längst erledigt", meinte Haselsteiner und verwies auf entsprechende Untersuchungen durch Tiroler Gebietskrankenkasse und Finanzpolizei. "Und dass wir nicht so viel zahlen können wie die Wiener Philharmoniker und auch keine Gagen bieten können, wie sie die Anna Netrebko erhält, ist auch klar. Denn dann gäbe es nämlich gar keine Festspiele Erl", argumentierte Haselsteiner, dessen Privatstiftung alleiniger Gesellschafter der Festspiele ist.


Anonyme Anschuldigungen
Die Anschuldigungen gegen Gustav Kuhn wegen Fällen angeblicher sexueller Nötigung würden sich indes alle im "anonymen Bereich" abspielen. Es gebe keine einzige nicht-anonymisierte Anschuldigung gegen Kuhn.

Dass sich Tirols Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) für die sofortige Einberufung einer Sitzung des Stiftungsvorstandes ausgesprochen hat, um "weitere Maßnahmen im Interesse einer raschen und vollständigen Aufklärung aller Sachverhalte zu beschließen", begrüßte Haselsteiner. Die Sitzung werde es geben.

Das Festival sieht sich unter anderem auch mit Vorwürfen von "modernem Sklaventum" und Korruption konfrontiert. Kuhn steht dabei im Zentrum der Anschuldigungen. Ihm wird neben sexueller Nötigung auch eine Art einschüchternder Führungsstil vorgeworfen. Der Dirigent selbst hatte zuletzt von "unhaltbaren Anschuldigungen" gesprochen. Die Festspiele und Kuhn konterten mit Klagen gegen Blogger Wilhelm.

Auch der ÖGB hat sich in der Causa zu Wort gemeldet, konkret die "younion - Die Daseinsgewerkschaft Tirol". Deren Vorsitzender Bernd Leidlmair sah in einer Aussendung "dringenden Handlungsbedarf". "Die Anschuldigungen sind massiv, in jedem Fall muss ihnen genau nachgegangen werden. Sollte auch nur ein Teil davon wahr sein, muss schnellstens gehandelt und sichergestellt werden, dass dem sofort ein Riegel vorgeschoben wird. Wir fordern volle Aufdeckung und werden unseren Beitrag dazu leisten", so Gewerkschafter Leidlmair. Er kündigt zudem umfassende Überprüfungen auch im technischen Bereich an.

Der Verein "art but fair" hat bei der Innsbrucker Staatsanwaltschaft eine Anzeige gegen den künstlerischen Leiter der Festspiele Erl, Gustav Kuhn, eingebracht. Dem Verein gehe es um mehrere "Fragenkomplexe", die staatsanwaltschaftlich geklärt werden sollen, darunter der Vorwurf von strafrechtlich relevanten sexuellen Übergriffen, heißt es in einer Stellungnahme. Der Verein begleitet nach eigenen Angaben "mehrere namentlich bekannte betroffene Künstler und Künstlerinnen".

Die Vorwürfe müssten ausgeräumt oder geahndet werden, hieß es. Sollten die Missstände nur "ansatzweise" der Wahrheit entsprechen, "würde das in der Opern- und Klassikwelt Österreichs einen Skandal nicht geahnten Ausmaßes bedeuten". Unter anderem will "art but fair" neben dem Vorwurf sexueller Übergriffe geklärt haben, ob es tatsächlich - wie kolportiert - eine unterschiedliche Vertrags- und/oder Gagen-Struktur zwischen Künstlern aus EU- und Nicht-EU-Staaten gegeben habe. Zudem will der Vereine wissen, ob die in "Erl übliche Kombination von Dienst- und Werkvertrag" bei Künstlern für ein und dieselbe Produktion den rechtlichen Vorschriften entspreche.




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Dokument erstellt am 2018-03-01 12:11:35


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