• vom 13.04.2018, 12:36 Uhr

Kulturpolitik

Update: 13.04.2018, 13:15 Uhr

Berliner Volksbühne

Aus für den Neustart




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  • Wenige Monate nach Beginn seiner ersten Spielzeit räumt der umstrittene Intendant Chris Dercon den Chefsessel.

Kapituliert: Berliner Neo-Intendant Chris Dercon - © dpa/Jens Kalaene/afp

Kapituliert: Berliner Neo-Intendant Chris Dercon © dpa/Jens Kalaene/afp

Berlin. (jubel/pat) Seine Bestellung war von Anfang an umstritten. Chris Dercon schlug praktisch seit seiner Berufung als Frank Castorfs Nachfolger an der Berliner Volksbühne massive Kritik aus der Kulturszene entgegen. Der Belgier wolle aus der Traditionsbühne eine "Eventbude" machen, wurde ihm etwa vorgeworfen. Die ersten Inszenierungen seiner Intendanz seit Herbst 2017 kamen bei Publikum und Kritik sehr gemischt an.

Nun hat Chris Dercon selbst die Debatte um seine Person beendet und den Chefsessel geräumt. Der zuständige Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und er hätten sich einvernehmlich darauf verständigt, die Intendanz mit sofortiger Wirkung zu beenden, teilte die Kulturverwaltung mit. "Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht", heißt es in der Erklärung. Mit der einvernehmlichen Einigung sei nun die Chance gegeben, diesen notwendigen Neustart einzuleiten.


Geschäftsführer Klaus Dörr übernimmt kommissarisch
"Ich habe den designierten Geschäftsführer der Volksbühne, Klaus Dörr, gebeten, in dieser Situation kommissarisch die Geschäfte des Intendanten zu übernehmen", so Lederer. "Im Übrigen ist es mir wichtig zu betonen, dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren. Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur."

Einen Höhepunkt hatte der Widerstand gegen Chris Dercons Bestellung vergangenen Herbst, als Aktivisten die Volksbühne besetzten. Der Probenbetrieb ruhte, es gab Versammlungen und basisdemokratische Arbeitsgruppen. Das Künstlerkollektiv "Staub zu Glitzer" kündigte eine "dauerhafte Übernahme des Hauses" an und kritisierte "die Einsetzung Dercons als Intendant der Volksbühne auf kultur- und stadtentwicklungspolitischer Ebene". Alle Verhandlungen mit den Künstlern scheiterten, die Polizei räumte die Bühne nach einer Woche. Begonnen hatte die massive Kritik an der Berliner Kulturpolitik jedoch bereits 2015, als bekannt wurde, dass Chris Dercon mit Beginn der Spielzeit 2017/18 die Nachfolge von Frank Castorf antreten werde.

Just in dessen letzter Spielzeit lief die Bühne wieder zu Hochform auf; Castorf knüpfte künstlerisch an seine große Zeit in den 90er und Nuller Jahren an. Das Haus stand wieder für eine Geisteshaltung: für Widerstand und Kontrapunkt, antikapitalistisch bis ins Mark. Die Volksbühne war ausverkauft, Karten wurden auf dem Schwarzmarkt gehandelt.

Castorf und Dercon sind so verschieden wie Tag und Nacht. Hier der zerraufte Ost-Künstler, dort der elegante Kosmopolit. Veteran des Sprechtheaters versus Prophet des Performativen. Castorf feierte erneut Triumphe, der 60-jährige belgische Kurator, der zuletzt die Tate Modern in London geleitet hatte, wurde dagegen der Gottseibeiuns des Berliner Feuilletons. Die Neuausrichtung der Bühne - die Hinwendung zum Performativen - geriet unter Dauerbeschuss. Chris Dercon wurde zu einem Symbol der verhassten Gentrifizierung, die Berlin Mitte schon damals fest im Griff hatte. Wie auch immer es in Berlin nun weitergeht, Ruhe ist mit Chris Dercons Rücktritt noch lange nicht eingekehrt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-04-13 12:42:15
Letzte Änderung am 2018-04-13 13:15:24


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