• vom 27.04.2018, 16:51 Uhr

Kulturpolitik

Update: 27.04.2018, 19:00 Uhr

Kulturpolitik

Aus der Sackgasse




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Von Judith Belfkih

  • An der Angewandten widmete sich eine Tagung Gegenwart und Zukunft von Kulturpolitik.

- © ap/fotolia/Drobot Dean

© ap/fotolia/Drobot Dean

Wien. Politische Rahmenbedingungen verändern sich - nicht nur in Europa. Arrivierte Parteiapparate verlieren ihre Vormachtstellung, politische Bewegungen und populistische Strömungen aller Lager haben Aufwind. Die Resultate reichen vom Brexit über den Sieg von Emmanuel Macron bis zum Erstarken nationalistischer Strömungen allerorts. Was das für gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringt, zeichnet sich langsam ab. Doch was bedeuten diese Umschichtungen für Kunst und Kultur? An der Angewandten stellte sich die vierte Tagung zur Kulturpolitik unter dem Titel "changing politics - changing cultures" am Donnerstag dieser Frage.

In ganz Europa etablieren sich neue politische Verhältnisse, riss Organisator Michael Wimmer von Educult das Themenfeld auf. Das werde Auswirkungen auf die Kunst haben, die noch unabsehbar seien. Was sich abzeichne: "Der ,gute‘ Staat als Schutzherr für die Freiheit der Kunst" sei am Zerbröckeln und Kunstschaffende werden als "elitär abgeschottete Gruppe" wahrgenommen. Bisherige Wege der Kulturpolitik haben also in eine Sackgasse geführt.


Einen Blick über den österreichischen Tellerrand brachte Luca Bergamo, Kulturstadtrat von Rom, ein. Er sprach von einer "Transformation der Gesellschaft", bei der der Kunst eine Schlüsselrolle zukomme - sofern es ihr gelänge, von einem elitären Kunstbegriff wegzukommen und möglichst alle Bevölkerungsschichten teilheben zu lassen. Die Wege dorthin seien zentrale Aufgabe von Kulturpolitik. Vincent Martigny, Politikwissenschafter aus Paris, gab Einblick in die Situation in Frankreich. Nach großen Hoffnungen - Präsident Macron ist leidenschaftlicher Leser, wollte selbst Autor werden und hat die Verlegerin Françoise Nyssen zur Kulturministerin ernannt - sprach er von großer Ernüchterung. Die Ministerin sei politisch isoliert, Kunst alles andere als Chefsache. Zudem gerate das Plädoyer für kulturelle Diversität in Widerspruch zu den strenger werdenden Migrationsgesetzen.

Der Berliner Philosoph Guillaume Paoli widmete sich den Mechanismen dieser hinter den gesellschaftlichen Verschiebungen. Wahlen haben sich von einem "für jemanden stimmen" zu einem "gegen jemanden" verwandelt, damit lenken alle Beteiligten von den eigenen Schwächen ab. Kultur nehme dabei eine besondere Stellung ein, längst haben kulturelle Klassen die sozialen abgelöst. Selbstgerechte elitäre Blasen in den Stadtzentren haben das Proletariat an den unsichtbaren Rand der Gesellschaft gedrängt. "Licht in diese dunklen Regionen" zu bringen, sieht er als einzigen Weg, den Vormarsch der Rechten zu stoppen.

Österreichische Situation
Die Tagung befasste sich auch mit der konkreten Situation in Österreich. Maria Kollmann vom Kulturrat Österreich berichtete von einer "zunehmenden Verschlechterung der sozialen Lage von Künstlerinnen und Künstlern". Die aktuellen neuen Regelungen zu Mindestsicherung und Arbeitslosengeld machen die Situation nicht besser. Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste, verwies in ihrer Funktion als ORF-Publikumsrätin auf die "demokratiepolitische Gefahr" der aktuellen Debatte um die Umstrukturierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes durch stärkere Einflussnahme der Politik. Diese damit einhergehende Relevanz-Debatte könnte in einem nächsten Schritt auch auf die Kunst überspringen.

Auch der Rektor der Angewandten, Gerald Bast, ortete in Österreich noch keine konkreten politischen oder budgetären Veränderungen, aber ein Umschlagen der Stimmung: "Künstler werden zunehmend als Störfaktoren wahrgenommen", die die Effizienz senken. Die Frage nach der Existenzberechtigung etwa von Kunstschulen werde öffentlich gestellt.

Konkrete Strategie oder Wege aus diesen vielen gesellschaftlichen und kulturpolitischen Problemfeldern vermochten die Teilnehmer nicht zu geben. Im Mittelpunkt der Debatte stand eine differenzierte Problemanalyse - mit starken selbstkritischen Elementen. Einig war man darin, dass aktuelle kulturpolitische Maßnahmen nicht zielführend sind und waren. Kunst müsse aus ihrem Elfenbeinturm und in die Leben der Menschen kommen. So könne sie helfen, an einem neuen Miteinander zu bauen. Das Problem dabei: Kunst hat sich auch bisher nicht vorschreiben lassen, was sie zu tun habe - und was nicht.




Schlagwörter

Kulturpolitik, Angewandte

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-27 16:57:28
Letzte Änderung am 2018-04-27 19:00:28


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