• vom 15.06.2018, 17:14 Uhr

Kulturpolitik

Update: 15.06.2018, 17:40 Uhr

Dominique Meyer

Eine Frage des Preises




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Staatsoper solle heiß begehrte Karten verteuern, empfiehlt der Rechnungshof.

Über Rekordeinnahmen des Hauses ist er eher "erleichtert" als froh: Staatsoperndirektor Dominique Meyer. - © apa - Fohringer / elage - CC 2.0

Über Rekordeinnahmen des Hauses ist er eher "erleichtert" als froh: Staatsoperndirektor Dominique Meyer. © apa - Fohringer / elage - CC 2.0

Wien. Schon im Jänner sind die Vorwürfe durchgesickert, nun liegen sie offiziell vor: Der Rechnungshof (RH) hat die Wiener Staatsoper durchleuchtet, und er bekrittelt in seinem Endbericht so einiges - am meisten beim Kartenverkauf. Am Beginn der Spielzeit 2014/15 (untersucht wurden auch die drei Saisonen davor) hat die Staatsoper 30.000 Tickets an Kartenbüros verkauft. Der RH sieht es kritisch, dass das Haus immer wieder solche Geschäfte macht: Es gebe für dieses Vorgehen keine Vorgaben, auch sei das Vier-Augen-Prinzip nicht beherzigt worden. Darum sei das Risiko der Korruption nicht auszuschließen.

Vor allem befindet der RH: Die Staatsoper reize ihre Ertragsmöglichkeiten nicht voll aus. Schuld seien einerseits Vergünstigungen: Es sei merkwürdig, dass das Theater der Jugend Ermäßigungen von bis zu 60 Prozent erhalte, Karten aber nicht nur an Jugendliche verkaufe. Und es wäre fragwürdig, dass im Jahr 2016 für den Opernball 320 Freikarten ausgegeben wurden. Die Prüfer empfehlen andererseits aber auch, bei glamourösen Opernabenden an der Preisschraube zu drehen: Das Haus solle Tickets für begehrte Vorstellungen zum höchstmöglichen Betrag verkaufen - und dieses Geschäft nicht Kartenbüros überlassen.


"Steuerzahler nicht verjagen"
Direktor Dominique Meyer lehnt das ab. Schon jetzt, weiß er, müssen Opernfreunde für einen Platz in der höchsten Kategorie tief in die Tasche greifen. Meyer fürchtet, den Bogen zu überspannen und "die Steuerzahler aus der ersten Kategorie zu jagen", wie er am Freitag vor Journalisten sagte. Zweitens: Eine Politik der Maximal-Preise könnte auch Gagenforderungen hochtreiben und damit jene Obergrenze sprengen, die die Staatsoper seit 1999 verteidigt. Drittes Argument gegen den Vorschlag: Wenn ein gebuchtes Opern-Goldkehlchen absagt, müsste man Kartenbesitzern Geld rückerstatten. Zwar ist es schon bisher Alltag, dass die Staatsoper nicht für jeden Abend die gleichen Kartenpreise verlangt - sie beteuert aber, sich dabei nicht nach dem Marktwert der auftretenden Sänger zu richten.

Ein Eindruck, den Meyer nicht aufkommen lassen will: dass sein Haus an kargen Karteneinnahmen leidet. Das Gegenteil ist der Fall. Brachte der Ticketverkauf in der Saison 2009/10 rund 29 Millionen Euro, lag die Summe 2016/17 bei 35,3 Millionen; sie wächst pro Spielzeit durchschnittlich um eine Million Euro. Läuft alles nach Plan, wird der künftige Direktor Bogdan Roščić im Jahr 2020 eine Reserve von acht Millionen Euro vorfinden.

Darüber ist Meyer allerdings weniger froh als "erleichtert" - denn er verrichtet seine Arbeit im Schraubstock eines hohen Kostendrucks. Jährlich steigen die Lohnausgaben, die staatlichen Beihilfen jedoch nicht im gleichen Maße: Sie werden mittlerweile von den wachsenden Gehältern überragt. Vor diesem Hintergrund sind hohe Einnahmen kein Luxus, sondern Conditio sine qua non.

Änderungen vorbereitet
Einige Empfehlungen des RH werden demnächst umgesetzt. So wird das Theater der Jugend keine Karten mehr erhalten, ein neuer Vertrag für Kartenbüros ist in Vorbereitung, das Vier-Augen-Prinzip werde auch da Berücksichtigung finden - was Meyer nach eigenen Worten schon früher getan hätte, wäre er darauf hingewiesen worden. Die RH-Prüfer waren aber seit 1973 nicht mehr im Haus: "Ich war damals 18 und hatte lange Haare."

Eine Praxis, die ebenfalls der Vergangenheit angehören soll: Wenn ein Musiker des Bühnenorchesters bisher einen Kollegen im Graben ersetzte, wurde beiden auf dem Papier ein Dienst gutgeschrieben. Richtig sei auch, sagt Meyer, dass das Bühnenorchester viel weniger Dienste verrichtet als im Kollektivvertrag vereinbart (nämlich nur 59 Prozent davon): Dies liege aber daran, dass der Sollwert zu hoch angesetzt worden sei.

Auch das Live-Streaming wurde vom RH kritisiert: Es verursachte 2014/15 Ausgaben von 413.000 Euro, brachte aber nur 81.000 Euro. Meyer hält dem entgegen, dass die Kosten durch Sponsormittel bestritten werden und die Einnahmen zuletzt auf 170.000 Euro gestiegen seien. Für die Gratis-Karten am Opernball hat er eine einfache Erklärung: Jeder, der beim Fest weilt, braucht ein Ticket, sogar Kellner, Tänzer und Musiker. "Auch ich habe eines."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-15 17:19:33
Letzte Änderung am 2018-06-15 17:40:07


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