Vor sechs Jahren hatte Ed Ruscha im Kunsthistorischen Museum die These aufgestellt, dass "The Ancients Stole Our Great Ideas". Zuvor war 2005 auf der Biennale in Venedig bereits über Bilder des Landschaftsmalers Thomas Cole sein Blick auf Amerika gefallen, was er nun hier in der Secession in einer Spiegel-Geschichte, die viele Erzählstränge öffnet, fortsetzt.

"Double Americanisms" wirkt sofort politisch, kaum verwunderlich bei einem 1937 geborenen und in vielen Medien tätigen Künstler, der seit mehr als 60 Jahren besonders kritisch Sprache, Zeitläufe und den amerikanischen Westen als Themen verhandelt. Drei großformatige digitale Reproduktionen seiner hyperrealistischen Gemälde der amerikanischen Fahne, ein frei nach Jasper Johns paraphrasiertes Kunstzitat, hat er für den Hauptraum der Secession gespiegelt und doppelt auf drei höher werdende Wände platziert. Die Mitte bleibt als offener Gang durchschreitbar. 1985 wehte die Fahne vor blauem Himmel, eine Textspalte unten blieb wie bei Zensur ausgespart, die zweite wehte dann 1987 vor dramatischer Verdüsterung mit einer leer gebliebenen Unterschriftzeile, 2017 ist die Fahne im Sturm vor Schwarz zerfetzt worden.

Rauben und Kopieren

Auch die dazu an den Seitenwänden und Wandrückseiten platzierten Trommelfelle aus Pergament mit Sprüchen, die doppelt verneinen - allesamt umgangssprachliche Absurditäten aus Oklahoma, wo Ed Ruscha aufgewachsen ist, erinnern schnell an die Sprache unter Donald Trumps Präsidentschaft, an "Fake News", an Rauben und Kopieren im Computer-Alltag und in der Kunst. Notdürftig abgeschirmt wird die Installation eingangs durch zwei Paravents (Kopien eines Paravents im Atelier des Künstlers), darauf der von der Rückseite fotografierte Schriftzug "Hollywood", der gespiegelt erst die lesbare Korrektur ergibt. Neben seinen Bucheditionen - in denen die Sprüche auf Frottage von Holzmaserung ein Reden nach "Holzhackermentalität" suggerieren, jedoch auch Gold in den seitlichen Schnitt alter Bücher neben Schrift bringt -, dabei Bibeln und Liederbücher, hat er eine Serie zu zerbrochenem Glas geordnet und zwei Grafiken, die den Anfang wichtiger Texte zitieren. Ein Blatt konstruiert eine Raumlinie mit dem Beginn der amerikanischen Verfassung: "We are the people . . . ", der zweite mit dem Anfangssatz der Genesis kommt als mittelalterliche Buchmalerei-Initiale auf Pergament daher - Urmythen, die uns freistellen, wie wir die vielen Erzählstränge Ed Ruschas selbst interpretieren. Sicher ist im vielschichtigen Ansatz nur die Aussage, dass es nicht nur Trumps Amerika gibt und das ist tröstlich bei aller kritischen Rückschau in biografische Kunst-Segmente.

Vaginamotive statt Gesichtern

Ein Spruch auf den ausgeschnittenen Trommelfellen lautet: "I Can’t Find My Keys Nowhere" und diese Schlüssel führen zur Installation "Keys Open Doors" der estnischen Künstlerin Kris Lemsalu, die in Wien bei Monica Bonvicini studiert hat und ihr Land nächstes Jahr auf der Biennale in Venedig vertritt. Schlüsselbundmassen, gehalten von zwei Wächterfiguren, führen
den Blick zu einem lichtdurchfluteten Vorhang, auf dem eine Stiege ins umwölkte Nirwana führt. Die Kombinatorik von Zitaten
ist auch eine von Materialien (arm in Bezug auf Kleidung und Stühle) und wertvoll (Hände,
Gesichter und Schuhe sind aus Keramik).

Vaginamotive statt Gesichtern führen zur dritten Position in der Kellergalerie: Philipp Timischl führt uns in seinem Streifzug "Artworks For All Age Groups" als Drag-Queen auf einer Fotoserie samt Objektinstallation durch die Secessionsräume und kritisiert mit muskulösem Begleiter die "kleinen Unterschiede" unserer gesellschaftlichen Gruppeninszenierung. Da bleiben auch die neuen Hierarchien der Kunstwelt, mit etwas Kitsch humorvoll garniert, als ästhetische Hinterfragung mit schräg gelagerten Sockeln und Pulte, nicht ausgespart.