Wien. Wie soll damit umgegangen werden, wenn man sich für eine Woche quasi in einem Paradies befindet und den Zustand gar nicht so wahrnimmt? Seit nunmehr 14 Jahren bietet die Vienna Art Week für ein kunst- und kulturinteressiertes Publikum eine unglaubliche, kaum zu bewältigende Fülle an Ausstellungen, Vernissagen, Performances, Katalog-Präsentationen, Atelierbesuche und Diskussionen an. Von der Renaissance-Malerei bis zur zeitgenössischen Performance. Eine vielfältige, spannende Bandbreite, die für neugierige Besucher paradiesische Zustände entstehen lässt. So gesehen liegt die Wahl des Mottos der diesjährigen Ausgabe mit "Promising Paradise" nahe.

Die Vienna Art Week ist eine veritable Erfolgsgeschichte, wie Dorotheum-Direktor und Art-Cluster-Präsident Martin Böhm bei der Eröffnung betont. Ein Veranstaltungsreigen, der im vergangenen Jahr mehr als 35.000 Besucher verzeichnen konnte. Heuer listet die Kunstwoche mehr als 200 Veranstaltungen und 70 Programmpartner auf. Ein wahrer Marathon der Kunst.

Grantler und Skeptiker

Aber es wäre nicht Wien, wenn eine solche Erfolgsgeschichte nicht auch auf misstrauische etwas neidbehaftete "Grantler" trifft. Diesen Skeptikern seien die Worte der renommierten New Yorker Performance-Spezialistin RoseLee Goldberg in Erinnerung gerufen. Die Kuratorin und Gründerin der Performa, einer Performance Biennale, ist heuer zu Gast bei der Vienna Art Week und hat im Zuge eines Pressegesprächs unterstrichen, wie bedeutsam solch konzentrierte Veranstaltungen für die internationale Wahrnehmung einer Metropole sind. Für Goldberg, die vor Jahren einmal in Wien zu Besuch gewesen ist, ist "Kunst ein essenzieller und nachhaltiger Türöffner zu einer Stadt". Daher sieht sie mit freudiger Erwartung auf die Veranstaltungen in den kommenden Tagen in der Donaumetropole entgegen. Ihre Konzepte und Ideen wird sie am Dienstagabend in einem Gespräch mit der österreichischen Biennale-Venedig-Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein im MAK präsentieren.

Bei dem Motto kann man nicht am vor einem Jahr wieder eröffneten Dom-Museum, ein neues Mitglied des Art Clusters, vorübergehen. Die Direktorin des Dom-Museums, Johanna Schwanberg, verweist im Gespräch darauf, dass das Leitmotiv "Paradies" naturgemäß ein maßgeblicher Komplex der christlichen Religion ist und die Auseinandersetzung darüber in Werken von vielen Künstlern seit der Renaissance bis ins Heute Eingang gefunden hat. Einige Arbeiten zu dieser Materie sind in der Dauerausstellung zu sehen und am Mittwoch steht eine Performance des steirischen Künstlers Hannes Priesch zur Ausstellung "Zeig mir deine Wunde" auf dem Programm.

Der Untergang der Paradiese

Dass vermeintliche Paradiese Schattenseiten haben und oft in Katastrophen enden, betont Robert Punkenhofer, der künstlerische Leiter der Vienna Art Week. Mit "wie es Karl Popper formuliert hat, haben viele Blender ein Paradies auf Erden versprochen und letztendlich eine Hölle geschaffen", verweist er auf zahlreiche soziale und politische Fehlentwicklungen und Interpretationsunterschiede der letzten Jahrhunderte. Für Punkenhofer selbst definierte sich das Paradies dadurch, mit einem Schiff zu den Galapagos-Inseln zu segeln. Um dann Vorort festzustellen, dass die letzten irdischen Paradiese dem Untergang geweiht sind. In diese Richtung tendiert auch die Arbeit des Fotografen und Filmemachers Michael Goldgruber, der seit einigen Jahren die offensichtliche sowie unwiederbringbare Auflösung von Gletschern in sein künstlerisches Schaffen integriert. In einem Studiogespräch im Apostelhof mit der Kunst-Haus-Wien-Kuratorin Sophie Haslinger am kommenden Samstag gibt er Einblick in sein Projekt "Whiteout".

Vom Verschwinden landschaftlicher Paradiese zu utopischen Landschaftsformen: Im Spazio Pulpo, ein Raum für zeitgenössisches Design, hat das Künstlerduo Hanakam & Schuller die mythologische Liebes- und Paradiesinsel Kythera zum Ausgangspunkt genommen, um sich interdisziplinär mit Sehnsuchtslandschaften auseinanderzusetzen (Eröffnung Mittwoch).

Vienna Art Week 2018: "Promising Paradise": Bis 25. November an zahlreichen Standorten. Infos unter www.viennaartweek.at