Männer sind

auch nur Frauen

(cai) Da stimmt was nicht - mit diesen Selfies. Warum hat der Typ denn kein Smartphone in der Hand? Na ja, wahrscheinlich weil es so etwas vor 20 Jahren halt noch nicht gegeben hat.

Matthias Herrmann, bekannt für seine sehr phallischen Selbstinszenierungen (schon sein Nachname ist extrem maskulin, geradezu eine männliche Tautologie), lässt jetzt alle (zumindest die Besucher der Galerie Steinek) noch einmal wissen, was er Ende des letzten Jahrhunderts getan hat. Testet aus, ob seine "Textpieces" nach wie vor aktuell sind. (Oder es gerade wieder werden. Durch die Rückkehr der Prüderie.) Die Farben wirken jedenfalls ganz frisch. Die poppige Tönung ist freilich noch analog hergestellt. (Bunte Folien vorm Objektiv.) Wie die Taferln mit den Zitaten, zu denen der Ex-Tänzer mit vollem Körpereinsatz seine tabulose, böse und urkomische One-Man-Show abzieht. Sich über diverse Rollenklischees Gedanken und lustig macht. Er outet sich als Lesbe und mit einem Greta-Garbo-Spruch als Frauenbefreier: "I never wore a bra. I was the original women’s liberation." Zeigt dem Betrachter seine vier Buchstaben (als Hommage an Josef Albers, dessen Quadrate vier Ecken haben?): "I’m not interested in art but only in giving the people what they want." Heute (mit diesem massenhysterischen Exhibitionismus in den sozialen Netzwerken) regt diese schrille Bildwelt voller Fetische eher keinen mehr auf - außer Facebook. Gut, es heißt Facebook. Und nicht alles, was zwei Backen hat, ist ein Gesicht. Wobei der Herrmann hier aber eh ziemlich Facebooktaugliches ausgewählt hat. Nirgends eine nackte Erektion. Nicht, dass er seine Kunst entmannt hätte. "Entherrmannt." (Nackte Erektion, wohlgemerkt.) Von mir kriegt er ein Like. Ein analoges. (Ich halte grad meinen Daumen hoch.)

Galerie Steinek

(Eschenbachgasse 4)

Textpieces, bis 14. Dezember

Di. - Fr.: 13 - 18, Sa.: 11 - 15 Uhr

Ohne Navi durch

Absurdistan

(cai) Ich hab jedenfalls 17 gezählt. Ach so, nein, Tschuldigung, drei davon sind schwarze Schwäne und keine Raben. Und den Monsieur Corbeau hab ich vier Mal gesichtet. Diesen Corvus sapiens, der sich wie ein Dandy kleidet. Anscheinend das Missing Link zwischen Rabe und Mensch.

Das Rabensuchen ist ja inzwischen ein beliebter vorweihnachtlicher Brauch wie das Punschtrinken. Denn sobald die Christkindlmärkte aufmachen, gibt’s in der Galerie Gerersdorfer Paul Flora. (Irgendwann wird man den Kindern noch erzählen, der Weihnachtsmann stamme nicht vom Nordpol, sondern aus Tirol.) Und der Rabe war halt sein Lieblingsvogel. Nicht, dass er die bunten Exemplare nicht auch gemocht hätte. (Die k. u. k. Offiziere, die Absurdistanis - oder wie nennt man die Bewohner von Absurdistan?) Aber die bodenständigen Älpler genauso.

Der Zeichner und Radierer, der seinen skurrilen Zoo mit pointiertem Strich laufend erweitert hat, war dermaßen fleißig, im zehnten Advent nach seinem Tod sind die Wände noch immer nicht leer. Die Motive sind vielleicht nicht ausgesprochen weihnachtlich (Venedig und so). Andererseits verdichten sich die Linien gern fulminant zum düsteren Notturno, zur stillen Nacht. Und ist Weihnachten nicht das Fest der Liebe? Okay, in Floras "Love Storys" halten die Frauen (das dominante Geschlecht, also Dominas) ihre Männer nicht unbedingt artgerecht. Nämlich im Käfig. Zwicken sie in die Nase. Und die Opfer dieser sexuellen Belästigung können sich nicht einmal mit einem Hashtag wehren. Trotzdem ist Floras melancholischer Humor zeitlos. Ganzjahrestauglich. Oder ist der Kalender für 2019 eh ein Adventkalender? Elf Mal umblättern (oder sogar bloß zehn Mal), dann ist wieder Flora.

Galerie Gerersdorfer

(Währinger Straße 12)

Paul Flora, bis 23. Dezember

Mi. - So.: 11 - 20 Uhr