Gesichterkürzel: Ohne Titel, 1990, Sonne auf Papier. - © Ernst Caramelle
Gesichterkürzel: Ohne Titel, 1990, Sonne auf Papier. - © Ernst Caramelle

Als der 1952 in Tirol geborene Ernst Caramelle 1976 an der Hochschule für angewandte Kunst bei Oswald Oberhuber zum Diplom eine Medienbox mit seinen skizzierten Zukunftsprojekten und einer Audiodatei abgab, waren die meisten Mitstudierenden noch erstaunt. Er nannte diese Kartonbox "Ein Resümee", und da er heute gleich kritisch gegenüber dem Künstlerdasein, Kunstmarkt und Institutionen, mit denen er arbeitet, sein will, trägt die "sehnsüchtig erwartete Retrospektive" (Carola Kraus) im Mumok den gleichen Titel. Gastkuratorin Sabine Folie hat einen Parcours durch das Werk des Künstlers seit den 1970er Jahren auf der Eingangs- und der ersten Ebene geschaffen, der aber durch eingebaute schräge Wände und zwei große Wandmalereien alles andere als trockene Konzeptkunst bietet.

Keine "Siegerkunst"

Dazu muss bedacht werden, dass der Künstler während seines Studiums bereits Research-Fellow am MIT in Boston war und nach seinem Diplom gleich wieder nach New York, später nach Frankfurt ging, von wo aus er seine Karriere startete, zu Wien blieb die enge Verbindung zur Galerie nächst St. Stephan, wo er nun parallel seine neunte Ausstellung in 40 Jahren zeigt.

Dem bereits seit Kinderzeiten gehegten Wunsch, bildender Künstler zu werden, waren seine Eltern nicht zugetan, weshalb er Glasmalerei lernte und nachher als Gebrauchsgrafiker und Industriedesigner begann. Der Einstieg in viele Materialien begünstigte den frühen Blick auf die Konzeptkunst in Amerika und neben den konkret-konstruktiven Tendenzen hier führten alle diese Einflüsse den Künstler später als Lehrenden auf die Städelschule Frankfurt, nach Kassel, zuletzt war er Rektor in Karlsruhe, zu seinen Schülerinnen zählt etwa Dorrit Margreiter.

Entsprechend seiner Auffassung sind die meisten Werke von Caramalle keine marktgerechte Ware, also keine "Siegerkunst", sondern es handelt sich meist um kleine Formate, oft Skizzen, die immer die zu bespielende Räume hinterfragen. Zu Zeichnungen, Fotos, Collagen, Objekten, Videos und Künstlerbüchern kommen hier zwei große Wandkonzepte. So gehen sich locker 350 Werke aus vier Jahrzehnten aus, die ihr serielles Aufgreifen wesentlicher Strategien wie Farbfeld, Zentralperspektive, Verschiebung und Täuschungseffekt des Publikums im künstlerischen Raum befragen. Daneben gehen die poetischen wie aktionistischen Inszenierungen auch kunstpolitischer mit der Präsentation von Ausstellungen und Wandbemalungen um. Es gibt auch Nachtpoesie für eine feingliedrige Skulptur wie "Der Traum vom Raum" mit Glöckchen 1984.

Daneben verwendet der Künstler das archaische Kürzel Punkt, Punkt und Strich - zum Mondgesicht der Kinderzeichnung fehlt "Faces" der zweite (Nasen-)Strich, die Augen werden jedoch nach vielen seriellen Versuchen zu zwei kleinen Monitoren über einem geraden "Mund"-Strich in einem rosa fahrbaren Objekt, das erstmals in einer Schau in Bologna gezeigt wurde, als Peter Weiermair 1984 Direktor des modernen Museums war. Nun zitieren sie auch das Cover des Kataloges und sind wie das Haus- und das Bild-im-Bild-Kürzel die wichtigsten Formen, die in verwirrender Fülle ständig neu zitiert werden.

Höllentor des Manierismus

Was Caramelles monumentale Wandmalereien betrifft, gehen wir nicht nur in der Karlsplatzpassage ständig durch seine Farb- und reduzierte Formenwelt, wir finden nun auf der Eingangsebene an der Rückwand tatsächlich Sprezzatura und Disegno, die klassischen Begriffe der Renaissancekunst im Zusammenhang mit dem Verwirrspiel eines mit Wein bemalten Raumes. Die bacchantische Trompe l’oeil-Türöffnung nach außen ist auch eine Art Höllentor des Manierismus und wiederholt eine Wand der Gestaltung der Mailänder Galerie von Luigi de Ambrogio 1982: Im Mumok erinnert es daran, dass der ursprüngliche Entwurf im Museumsquartier noch einmal hunderte Quadratmeter mehr vorgesehen hatte. Dazu passen die poetischen Aquarelle Caramelles mit Krokodilskopfhäusern (seine Tiere neben Seepferdchen und Kamelen), die auch späte Nachfolger des utopischen "Endless House" von Friedrich Kiesler sind, das nun in Form seines ersten Modells (1950) von Dieter Bogner dem Museum geschenkt wurde. Doch dies ist eine andere Geschichte.