Vorrichtung zum Auslösen eines Schmetterlingseffekts? Der Falter von Rebecca Horn hat einen Motor. - © Mario Mauroner Contemporary Art
Vorrichtung zum Auslösen eines Schmetterlingseffekts? Der Falter von Rebecca Horn hat einen Motor. - © Mario Mauroner Contemporary Art

Sebastian Kurz macht große Ohren

(cai) Die abstrakte Kunst kann man nicht verstehen. Dazu ist sie zu - abstrakt. Nein, ich mach doch nur Spaß. Sie kann sogar einen Bezug zum Gesicht des Bundeskanzlers haben. Außerdem handelt es sich bei dem, was der Hermann J. Painitz (1938 - 2018) gemacht hat, eigentlich eh um - Knallkunst. Hat die einen Knall? Ja. Und sie knallt gleich mehrmals. Zumindest sollen die vielen konzentrischen Kreise offenbar dieses akustische Phänomen visualisieren.

Dem bekanntesten und möglicherweise einzigen Vertreter dieser Stilrichtung (jedenfalls wird man, wenn man "Knallkunst" googelt, gefragt: "Meintest du: Nagelkunst?", und es folgen Adressen von Nagelstudios), widmet die artmark galerie jetzt eine kleine Gedenkausstellung. Würdigt das kompromisslose Werk des jüngst verstorbenen Künstlers, der auch sehr pointiert formuliert hat ("Der Kunstknall ist das Ei des Kolumbus für Alle"). Und in seinem "Manifest Nr. 1" hat er noch vor meiner Geburt gefordert, dass das, was ich später studieren sollte, abgeschafft würde: die Kunstgeschichte. Muss ich das persönlich nehmen? (Nicht, dass er unbedingt verhindern hätte wollen, dass ich was über seine Sachen schreibe.)

Klare Farben und Regeln. Mathematik, Sprache, Codes. Was, bitte, ist ein Tenretni? Na ja, das Internet. Halt mursredna. Und der Titel "Tetraktys"? Ist richtig herum. Weil "Sytkartet" kein griechisches Wort ist. Und der Basti starrt einen an. Mit seinen großen, blauen - Ohren. In seinem "pseudostatistischen Porträt", mehr Inventur und Humor als Physiognomie, sind die dominanten Rundungen nämlich nicht die Augen. Allerlei Kunst von anderen zu Abverkaufspreisen gibt’s im "Bazar au Revoir". Au revoir wie: baba. Wie: Thomas und Maria Mark übergeben die Galerie an Johannes und Sibylle Haller.

artmark galerie
(Singerstraße 17)
Hermann J. Painitz und Bazar au Revoir, bis 22. Dezember
Do., Fr.: 13 - 18, Sa.: 11 - 15 Uhr

Selber ist man immer seitenverkehrt

(cai) In der Nacht sind alle Spiegel schwarz. Wenn keiner das Licht anmacht. Aber die da sind es sogar bei Tag. "Black Mirror" (Galerie Mauroner) ist trotzdem keine Esoterik-Schau. Obwohl schwarze Spiegel natürlich schon magische Instrumente sind. Zur Kommunikation mit einer anderen Welt. He, klingt wie eine Beschreibung des Smartphones, dessen Display ja finster ist, wenn es "schläft". (Nicht, dass Googeln eine okkulte Praktik wäre. Und mit dem Handy ruft man auch keine Geister - an.)

Überall begegnet man hier sich selbst. Macht man Selfies. Flüchtige. Weil ein Spiegel kein Gedächtnis hat. Oder der Spiegel wird einem auf andere Weise vorgehalten. Indem etwa ein Spielzeugmärchenschloss die kindliche Unschuld verliert. Mateo Maté hat dort Mini-Überwachungskameras montiert. Und Monitore zeigen die unheimliche Leere, die Paranoia. Von Nicolas Kozakis: Schwarzer Autolack (für einen Rolls-Royce, und der ist angeblich der attraktivste Sockel für eine Skulptur) auf Marmorplatte. Ob man damit den "Spirit of Ecstasy", wie die Kühlerfigur, die Emily, offiziell heißt, beschwören kann? Und Markus Hofers Taschenspiegel fragt sich: "Is this reality?" Ja. Eine virtuelle. (In der diese Alice, die einmal durch ein Spiegelglas gekrochen ist, ein "Second Life" gelebt hat.)

Selbst helle Spiegel können eine dunkle "Seele" haben. Ein Hitlerbärtchen zum Beispiel. "Are you ready to be a dictator?", will Vadim Zakharov ziemlich plakativ wissen. In der Unterwelt (im Keller) fordert uns Bruno Peinado zum Totentanz auf. Als Discokugel: ein Totenkopf. Rebecca Horn reanimiert derweil einen Schmetterling. Macht aus ihm einen Robo-Falter. Imitiert schaurig romantisch das Leben. Und Kendell Geers lässt den schönen Schein ins Obszöne kippen, überzieht die Nike von Samothrake mit einem hübschen Muster aus den (teils gespiegelten) Buchstaben F, U, C und K.

Eine vielschichtige, spannende, düstere Ausstellung. Mit Wow-Effekten, dramatischen Inszenierungen, intimer Beschaulichkeit. Und wahrer Magie. Oder wie geht das, dass der Spiegel von mischer’traxler blind ist, solange nicht mindestens zwei Leute hineinblicken?

Mario Mauroner
Contemporary Art Vienna

(Weihburggasse 26)
Black Mirror, bis 12. Jänner
Di. - Fr.: 10 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr