Dame mit verzogenem Mund, eines der beliebten Motive von Lisette Model (San Francisco, 1949). - © Estate of Lisette Model
Dame mit verzogenem Mund, eines der beliebten Motive von Lisette Model (San Francisco, 1949). - © Estate of Lisette Model

"Man sollte nur Fotos von etwas machen, das einen wirklich leidenschaftlich interessiert." Das ist ein Satz, der in der heutigen Welt der Schnappschüsse mit dem Smartphone und der Bilderflut in sozialen Medien so anachronistisch wie notwendig anmutet. Es war einer der Leitsprüche von Lisette Model. Die in Wien geborene, nach Frankreich und in die USA emigrierte Fotografin ist eine von drei Zunftkolleginnen, denen sich eine neue Ausstellung des Westlicht widmet. Die anderen beiden sind Diane Arbus und Nan Goldin.

Lisette Model kann man das von ihr eingeforderte Interesse für ihre Motive definitiv nicht absprechen. Das hinderte sie freilich nicht daran, einen schonungslosen Blick anzuwenden. "Die Kamera ist grausam", heißt denn auch der Titel des Ausstellungskatalogs - eine Wertung, die den vielen Facetten dieser Fotos nicht gerecht wird. Wenn Model etwa eine dicke Frau fotografiert, die sich am Strand von Coney Island räkelt wie dereinst Deborah Kerr im Film "Verdammt in alle Ewigkeit", dann hat neben der nicht zu verleugnenden Ironie auch immer eine Art von Gerechtigkeitssinn beträchtlichen Anteil. Der kam auch dadurch zustande, dass sich Model unter Umgehung der langweiligen Mitte um die zwei Pole des gesellschaftlichen Spektrums kümmerte.

Spiel mit Perspektive

Da gibt es zum einen die Pelzmanteldamen von Manhattan, die bei einer Modeschau verzwickt durch ihren Schleierhut schauen. Und da gibt es zum anderen das weniger vom Schicksal verwöhnte Personal aus der Lower East Side. Etwa eine Frau im schäbigen Mantel, deren deutend-mahnender Zeigefinger das einzige Scharfe am Bild ist. Oder der "Maler mit dem Hörrohr", den man gar nicht so gut sieht, dafür eine ältere Frau, die sichtlich sehr deutlich mit ihm spricht. Meisterhaftes Spiel mit der Perspektive betreibt sie in einer Jazzbar, in der sie die Musiker so fotografiert, wie man sie zumeist auch sieht: von schräg unten. Das Ergebnis ist eine herrlich surreal anmutende Künstlerin, die sich selbst in Ekstase und ihre Haare in Senkrechtstand zu singen scheint - dabei hat sie bei näherer Betrachtung nur eine Feder als mit dem Haar verschmelzenden Kopfschmuck angetan.

In der McCarthy-Ära wurde Model vom FBI wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe verhört, verlor dadurch Aufträge und beschloss zwangsläufig, sich von der aktiven Fotografie zurückzuziehen. Sie arbeitete fortan daran, einer neuen Generation ihren Blick auf das Außergewöhnliche weiterzugeben.

Eine ihrer Schülerinnen war Diane Arbus, die zu einer der berühmtesten Fotografinnen der USA werden sollte. Die Schau will verdeutlichen, wie stark sie von der sozial engagierten Dokumentarfotografie Lisette Models beeinflusst war. Besonders beeindruckt in dem Zusammenhang beispielsweise das Bild eines Nudistenpaares, das in seinem höchst traditionellen 60er-Jahre-Interieur inklusive Plastikschutz über der Lampe kaum spießiger dasitzen könnte, wenn es auch noch Kleidung tragen würde. Die Brutalität des Blickes erfährt bei Arbus durchaus noch eine Steigerung im Vergleich zu Model. Aber auch die Motive werden exzentrischer: vom halbnackten, kleinwüchsigen Mann, der neben der Whiskyflasche frivol-stolz in die Kamera blickt, über den "Riesen", der wie hineingeschlichtet in das Puppenzimmer seiner Eltern wirkt, bis zur Behindertengruppe beim planlosen "Betriebsausflug".

Unverstellter Zugang

In Sachen Exzentrik legt Nan Goldin eine Generation später noch einen Gang zu. Sie dokumentierte in den späten 70er Jahren, frühen 80ern die New Yorker Subkultur und die Schwulen/Lesben/Dragqueenszene. Der große Unterschied zu Arbus und Model: Goldin war Teil des Kreises, den sie fotografierte (sie fotografierte nicht selten auch sich selbst, etwa mit verschwollenem Gesicht und trotzig-traurigem Blick nach einer Prügelattacke ihres Freundes). Nur durch diesen unverstellten Zugang sieht man hier auch masturbierende Männer in aller Penispracht und Herrlichkeit und Frauen in trauter Zweisamkeit pinkelnd am Klo, eine in verwegenem Bondagestil gekleidet, die andere in schlichter Bluse und Rock. Goldins Kamera ist nicht objektiv - doch das ist die Kamera, wie nicht zuletzt die geharnischten Bilder von Arbus und die ironischen Bilder von Model beweisen, ohnehin nie.