Die 1975 in Stuttgart geborene Fotografin Annette Kelm ist in Wien keine Unbekannte, erst kürzlich war sie im Kunst Haus an der Stilllebenschau beteiligt und nächstes Jahr zeigt auch das Mumok ihre Werke; in der Kunsthalle nahm sie seit 2015 an mehreren Themenausstellungen teil, egal ob es um "Beton" ging oder die Rezeption von Frederick Kiesler. Sie ist eine der gefragtesten europäischen Fotografinnen derzeit. Da sie in den 1990er Jahren in Los Angeles lebte, ist die Kunst Amerikas für sie wichtiger als Vorbilder aus der Fotografie Europas, doch es gibt Ausnahmen wie den klassischen Modefotografen Horst P. Horst.

Zufallsarrangement

Aus der Modefotografie übernimmt Kelm Posen einer Greta Garbo und übertrug sie 2008 auf eine Dreierporträtserie ihres Künstlerkollegen Julian Göthe "Julian, Italian Restaurant". Dabei ist die Inszenierung mit Wahl des Tischdeckenornaments (von der amerikanischen Dekorstoffdesignerin Dorothy Draper, der sie eine ganze Werkserie 2007 widmete) durchdacht, trotzdem dominiert das Ergebnis ein quer zum trockenen Konzept auftauchender Humor. Dieser setzt sich im Porträt eines Reiters vor einer Palme von 2005 fort, dem die Fotografin einen Fächer in die Hand drückte, der die Aufnahme verfremdet - ein Paradox der männlichen Inszenierung. Kelm liebt die Dokumentationsfotografie der Auffindung des Grabes von Tutanchamun 1922 und nähert sich scheinbar sachlich den vielen Spolien, die Peter und Irene Ludwig in ihre private Villa in Aachen eingebaut hatten.

Im Keller der Sammler entdeckte sie heuer ein Zufallsarrangement, das ihrer Idee von Dokumentation entspricht und wie alle ihre Sujets vom Publikum vielseitig gedeutet werden kann: Da kombinieren sich ein altes Glasfenster, eine Ziegelwand, historische Kacheln, ein Kruzifix, Papierrollen, ein barocker Gartenzwerg und die beiden Büsten, die Arno Breker vom Sammlerpaar gemacht hat, zum unfreiwillig absurden Environment. Einen anderen Blick auf die Geschichte wirft Kelm mit ihrer Arbeit über die rosalila Latzhose der feministischen Bewegung der 1970er Jahre - sie dokumentiert deren Anteil in Vitrinen historischer Museen, die schmäler ausfallen als jene zur Antiatombewegung, lässt aber dazu ein altes Exemplar am Atelierboden in vier Variationen Spring-, Tanz- oder Tretposition einnehmen.

Kelm fotografiert im Atelier zuweilen digital, sonst meist analog. Ihr ist aber die Differenzierung dabei nicht so wichtig, sie sieht sich mehr als konzeptuelle Künstlerin, die ihre eigentlichen Vorbilder mit Marcel Duchamp, Marcel Broodthears und der Bewegung der New Color Photography in den USA angibt: William Eggleston etwa, und noch wichtiger die Architektur- und Landschaftsfotografin Nan Hoover (1931-2008), die von New York nach Berlin zog wie Kelm selbst. Die dort von ihr 2018 entdeckte "Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau" wirkt wie ein Modell aus Skulpturen Franz Wests und Erwin Wurms.

Nachkriegsästhetik

"500 Euro" legt Kelm wie zufällig auf einen Op-Art-Untergrund, das Zitat einer typischen Wandfolie des Fotografen hinter dem Motiv ist ihr wichtiger, als etwa der Teller mit Zielscheibenornament vor einer Tomatenpflanze auf dem das Foto "Tomato Target" zu sehen ist. All diese kombinierten Dinge sind für sie keine Stillleben, viel mehr Anlass eines beobachteten Belichtungsmoments, oder ein Zitat nach Jasper Johns. Dabei können sich Klapptische umdrehen und mit Pfingstrosen disparat zusammensetzen, immer wird ein wenig Geschichte der Nachkriegsästhetik beleuchtet.

Wenn sich die geometrische Abstraktion zu Aufnahmen von Webstühlen, ersten Computern und Orgeln mischt, aber auch jenes "moderne Barock" der Stoffe von Draper, die Amerikas Interieurs seit 1923 prägten, zum größeren sozialen Zusammenhang fügen, zeigt sich Kelm als penible Beobachterin des Antiken, nach dessen Spolien wir in der Gegenwart weitersuchen.