Gleichsam geologische Formationen entwickeln sich (wie hier bei "Ohne Titel") zur Zeichenhaftigkeit in der Malerei des Dänen Per Kirkeby. - © Per Kirkeby Estate/Galerie Michael Werner/Lothar Schnepf
Gleichsam geologische Formationen entwickeln sich (wie hier bei "Ohne Titel") zur Zeichenhaftigkeit in der Malerei des Dänen Per Kirkeby. - © Per Kirkeby Estate/Galerie Michael Werner/Lothar Schnepf

Der Däne Per Kirkeby (1938-2018) gilt primär als Erneuerer der Landschaftsmalerei, die am Beginn der Postmoderne als ziemlich "alter Hut galt" (Robert Fleck). Doch der im Mai verstorbene Künstler schuf Naturhaftes aus eigenwilligen abstrakten Strukturen auf Papier, Leinwand, aber auch als Übermalung und Collage über Found-Footage-Bilder vom Flohmarkt. Dabei arbeitet er im Gemälde oft vertikal und immer ohne Horizontline, deshalb wirken diese Landschaften wie Felder aus dem Flugzeug besehen. In kleineren aber auch monumentalen Skulpturen und Archiskulpturen ist das Körperhafte im Raum wichtig, wobei aber mancher Bronzeguss auch wie ein Tor oder wie ein Menhir wirkt - die Prähistorie lässt grüßen, aber auch die frühe wissenschaftliche Auseinandersetzung Kirkebys mit Geologie.

Geologie und Fluxus

Die Retrospektive mit vier Werkgruppen war eigentlich zum 80. Geburtstag geplant. Nun findet sie leider posthum statt, aber Kirkeby hat bereits 1993 im öffentlichen Raum in Krems/Stein im Skulpturengarten neben der Minoritenkirche aus Backsteinen eine Archiskulptur gebaut, und er hat vor Florian Steiningers Eröffnungsausstellung 2017 schon 1996 an der legendären Schau "Chaos, Wahnsinn. Permutationen der zeitgenössischen Kunst" und 1997 in "Schwerkraft der Berge", noch unter Direktor Wolfgang Denk, teilgenommen. Seine Zeichnungen im zweiten Abschnitt der Retrospektive zeigen, wie er ab den 1980er Jahren die Backstein- und Bronzeskulpturen vorskizzierte. Expeditionszeichnungen (Grönland, Arktis, Mittelamerika) fallen daneben sehr viel landschaftlicher aus - sie replizieren Bergformationen. Schon damals war Kirkeby vor allem für seine Kollegenschaft ein wichtiges Vorbild, ein Maler für Maler, an dem sich Siegfried Anzinger, Gunther Damisch oder Hubert Schmalix hierzulande orientierten, denn er war kein neoexpressionistischer Neuwilder wie etwa Georg Baselitz, sondern entwickelte seinen persönlichen Stil aus den Strukturen der Geologie und aus seinem frühen Mitwirken in der Fluxusbewegung.

Malerei und Skulptur laufen bis in die 1990er Jahre parallel - die Skulpturen behalten das Malerische der Oberflächen, sind aber auch organische Kommentare des Körperlichen. Deshalb nannte Siegfried Gohr sie "Malskulpturen". Die Kombination in Oberlichtsaal und zentraler Halle zeigt Kirkeby mit seinen besten Beispielen. Dabei springen die ausgefallenen Farben ins Auge, die oft als nordisch bezeichnet werden. Der dunkle Grund macht die besonders leuchtende Wirkung aus, dazu kommt ein matter Auftrag, was sie besonders glühend wirken lässt. Prähistorische Attitüde ist nicht nur bei den großen Bronzetoren spürbar, auch die tierhafte Bildung mancher kleineren Plastik ist erstaunlich humorig. Kirkebys Ausgang vom Fluxus, (man merkt die Nähe zu den Tafeln von Joseph Beuys) manifestiert sich vor allem in den Masonitbildern, die in der großen Halle zahlreich zu sehen sind. Auf den schwarzen Holzfasertafeln zeichnete der Künstler mehr, als er malte. Die kreidigen Striche wirken wie Lichtzeichnungen, wieder sind die Farben von kostbarer und warmer Wirkung durch das Herausleuchten aus dem harten, schwarzen Grund und wieder folgt er naturhaften Formen. Zuweilen fühlt man sich an die Rudolf Steiner folgenden Bild- und Schreibtafeln von Beuys erinnert, daneben kommt eine ornamentale Geometrie zum Zug. Das meiste erinnert an Erdkrusten, Steine, aber auch Pflanzenhaftes.