Nackte Humanisten im Bad

Als ein mögliches Neujahrsblatt gilt "Vier nackte Frauen", ein Kupferstich von 1497 gemäß der Datierung im Bild. Rätselhaft bleibt jedoch die Buchstabenbeschriftung auf der Kugel über den Frauenköpfen und ob es sich bloß um Variationen von Frauenakten oder aber um Huren oder Hexen handelt, wofür der links hinten mit Flammen erscheinende Teufel spricht. Außerdem war kurz davor der berüchtigte "Hexenhammer" erschienen. Dürer ist aber auch Witz und Kritik zuzutrauen, daher ist es der Kunstgeschichte bis heute nicht gelungen, alle Bildinhalte des Renaissance-Hauptmeisters zu klären.

Der profane Holzschnitt "Männerbad" ist womöglich beeinflusst vom Humanistenkreis um Willibald Pirckheimer und Konrad Celtis; in der nackten Runde soll Pirckheimer der saufende dicke Silen sein und Dürer der langhaarige Lautenspieler daneben. Die Fantasie des Meisters im Mischen von antiker Literatur mit deutschen Sagen geht über solche Beispiele aber hinaus.

"Das Meerwunder" von 1498 ist einer Federzeichnung ähnlich, die Dürer 1494 zum "Raub der Europa" anfertigte. Die erotische Nackte in idealer Frauengestalt nach dem deutschen Geschmack um 1500 wird von einem Triton aufs Wasser entführt und trägt eine orientalische Kopfbedeckung. Ihr am Ufer wehklagender Vater oder Mann ist ebenfalls türkisch gekleidet, die Burg im Hintergrund aber ähnelt der in Nürnberg. Der Künstler verrät uns darüber nichts in seinen Tagebüchern, lässt uns auch Rätselraten im winterlichen Kupferstich "Die Versuchung des Müßiggängers", nach Moritz Thausing "Der Traum des Doktors" genannt. Hinter einem Kachelofen schläft ein Mann, dem der Teufel mit einem Blasebalg erotische Träume ins Ohr pustet. Davor ist Venus persönlich erschienen, und ihr Begleiter Amor versucht, auf schwankenden Stelzen zu gehen. Der Dürer-Experte Erwin Panofsky sah die Todsünde Acedia (die Faulheit) in dieser Erfindung und verglich dies mit einem Ölbild von Hieronymus Bosch. Aber wer weiß, ob Dürer sich nicht über die feig hinterm Ofen verkrochenen Gelehrten seiner Tage lustig machte.

Antike, in die Gegenwart geholt

Egal, ob er den "Verlorenen Sohn" unter Schweinen, übrigens kein Neujahrsblatt, in einem fränkischen Bauernhof im Kupferstich (1496) darstellte oder die antiken Sagen um den Tugendhelden Herakles: Immer erfährt die klassische Mythologie eine Aktualisierung in Dürers Gegenwart. Möglicherweise sind Kritik an der Kirche wie an der Politik darin versteckt, auf jeden Fall wollte Dürer sein Publikum zum Nachdenken anregen und mit den aus Italien mitgebrachten Erfahrungen ästhetisch eine neue Richtung vorgeben, was ihm angesichts der vielen Kopien seiner Druckgrafiken auch gelungen ist.

Ausstellung

Von Hexen, Meerwundern und der Apokalypse

René Schober (Kurator)

Akademie im Theatermuseum

Bis 3. März