Rationalist Marc Adrian: "Sprungperspektive", 1954. - © Bildrecht
Rationalist Marc Adrian: "Sprungperspektive", 1954. - © Bildrecht

Was in Österreich in den 1960er Jahren als konkrete Kunst contra die dominanten informellen Malereitendenzen aufbegehrte - sich wenig später um das Sammlerehepaar Gertraud und Dieter Bogner als "Exakte Tendenzen" neu formierte und bis in den 1980er Jahren als die nachfolgende Neue Geometrie den Durchbruch schaffte - lief hier parallel zu Minimalismus und Colorfield in Amerika. Es ging dabei schon in Werner Hofmanns Schau "Kinetika" 1967 um nicht mehr und nicht weniger als eine neue Kunsttheorie. Die Dominanz der Wiener Aktionisten, sowie des
Action-Paintings in Nachfolge George Mathieus, war den Rationalisten um Marc Adrian, Richard Kriesche, Helga Philipp, Hermann Painitz oder Jorrit Tornquist zu wenig innovativ, sie argumentierten wie Roland Goeschl in der Nachfolge von Fritz Wotruba auch mit dem Wechsel vom Bildhauer zum Objektkünstler.

Lebenslanges Bildkonzept

Kurator Rainer Fuchs ist der Spezialist auf dem Gebiet dieser "kalkulierten" Traditionsbrüche der 1960/70er Jahre. Er beschäftigte sich als Schüler Wilfried Skreiners früh mit dem überschreitenden Blick in den Osten, wo konstruktive Tendenzen trotz poststalinistischer Liberalisierung eher im Untergrund zu finden waren, bis sie 1989 parallel zur Konzeptkunst einen Aufbruch wagten. Fuchs und Lóránd Hegyis Blicke auf die "Reduktivisten" Polens, Ungarns und der damaligen Tschechoslowakei im Jahr 1992 im 20er Haus erweiterten die Welt Karel Malichs, Zdenek Sykoras oder Dora Maurers und Henryk Stazewskis in den Westen. Stanislav Kolibal baute danach eine Holzinstallation am Dachboden von Schloss Buchberg, Roman Opalka schrieb an seinem lebenslangen Bildkonzept von Zeitabläufen, aufgehellt in Schwarzweiß und verblassendem Porträtfoto. Er und Julius Koller bekamen erste Personalen im Mumok. Ihre aufklärerische und demokratische Haltung schaffte neue politische Sichtweisen.

Philipps Plexiglasobjekte mit teils schwindelerregendem Op-Art-Effekt auf Basis eines nummerierten Siebdruckverfahrens verleugnete die künstlerische Handschrift wie Kriesches dreifarbige Objekte. Die sich in Richtung poetische Formkürzel wandelnden Konstruktivismen von Hildegard und Harald Joos pflegten das Serielle. Daneben bezeichnete sich Kurt Ingerl als erster Computerkünstler, der seine auch auf Spiegel gedruckten Geometrien programmierte. Später stiegen Kriesche und Peter Weibel zu Hauptmeistern der Neuen Medien auf, hier sind sie erstmals alle den Amerikanern gegenübergestellt, die international seit den 1960er Jahren dominierten. Wie Philipp sich in New York mit den transferierten Bauhaus-Ideen von Josef Albersund Frank Stellas "Shaped Canvas"-Objekten auseinandersetzte, sind auch Kriesche und Painitz um die Themen Form, Farbe und Material gekreist, haben ein neues Selbstverständnis des Künstlers geprägt, der dem männlichen Geniebegriff nichts mehr abgewinnen kann. Sie integrierten ihrer wissenschaftlichen Kunst Physiologie und Psychologie, es ging um Wahrnehmungs- und Kommunikationstheorien, parallel standen die französischen Soziologen damals höher im Kurs als die Philosophen.

Alles Figurale sei Kitsch

In Amerika hatte Kritikerpapst Clement Greenberg alles Figurale schon vor dem Zweiten Weltkrieg zum Kitsch erklärt, das lässt sich aus den ab 1930 auftauchenden Retrorealismen des Faschismus und der kommunistischen Staaten leicht erklären und ging nach 1945 in den hohen Anspruch demokratischer Kulturpolitik des Westens ein. Ab 1950 folgte dem abstrakten Expressionismus von New York aus die "Postpainterly Abstraction" der Neoavantgarde, gegen die Pop Art und Hyperrealismus opponierten. Die großformatigen Beispiele von Helen Frankenthaler, Morris Louis, Ellsworth Kelly, aber auch "Mr. Pure" Ad Reinhardt aus der Mumok-Sammlung zeigen die Verweigerung der alten Erzählungen, aber auch die neue konkrete Poesie, die sich mit Titeln wie "Correspondence Orange Blue" in der "Malerei mit Kalkül" von Leon Polk Smith bemerkbar machte.