Der Tod lauert in jedem einzelnen Blatt: "Skull" von Lois Weinberger (2004). - © Photo Studio Weinberger, Courtesy: Galerie Krinzinger, Lois Weinberger
Der Tod lauert in jedem einzelnen Blatt: "Skull" von Lois Weinberger (2004). - © Photo Studio Weinberger, Courtesy: Galerie Krinzinger, Lois Weinberger

Bis einem die Augen dröhnen

(cai) Da gibt’s doch diese T-Shirts mit dem makabren Spruch: "Ich bin nicht tot, ich rieche nur komisch." So eins könnte die Malerei ebenfalls tragen, die ja einfach nicht umzubringen ist, egal wie oft irgendwer behauptet, ein Gemälde wäre ein geschminktes Leichentuch. Okay, den Bildern vom Jonny Niesche würde man dieses Leiberl wohl eher nicht anziehen. Mir ist jedenfalls kein komischer Geruch an ihnen aufgefallen. (Abgesehen davon, dass man sie in keine Konfektionsgröße hineinbekäme.)

Er malt eben digital. Druckt das dann auf einen zarten, transparenten Stoff, den er gleich in mehreren Schichten aufspannt. Die Farben schweben jetzt förmlich vor der Wand. Trotzdem dröhnen einem die - Augen. Na ja, nicht zufällig heißt die Ausstellung bei Zeller van Almsick "throb" (Pochen, Dröhnen). Wie gebannt starrt man in eine mysteriöse Finsternis (oder auf eine strahlend weiße Fläche), die umschlossen ist von diffusen Farbhalos. "Hypnotizing chickens": Mit diesem Bild kann man womöglich wirklich Hühner hypnotisieren. Man müsste halt einmal eines davorhalten. Die Titel: lauter Zitate aus Pop-Songs. Iggy-Pop-Songs. Minimalistische Pop-Art also?

Geschminkte Leichentücher sind das definitiv keine. Obwohl den Australier Make-up fasziniert. Seit er als Kind quasi ins bunte Zauberland Oz verschleppt worden ist. Von seiner Mutter. Nämlich in die Kosmetikabteilung. Und die Stelen, die so groß sind wie er? Sinnliche skulpturale Malerei, die mit ihren Farbübergängen betört. Und mit Spiegelflächen. Von sich selber kann man sowieso nie genug kriegen, oder? Im Selfie-Zeitalter.

Kunst, die bewegt. Wie Musik. Denn hier muss man auch mit den Füßen schauen. Wer bloß steif herumsteht, bekommt die geilen Effekte nicht mit. Den Farbwechsel etwa. (Beim Flip-Flop-Autolack. Auf den gewellten Alubändern.)

Zeller van Almsick

(Franz-Josefs-Kai 3/16)

Jonny Niesche, bis 26. Jänner

Mi. - Sa.: 12 - 18 Uhr

Mutter Natur auf den Hintern starren

(cai) Der Mond hat eine, wieso also nicht auch die Erde? Eine Rückseite. Oder eigentlich heißt die Ausstellung in der Galerie Krinzinger ja "Die Rückseite der Landschaft". Gemeint ist aber eh die der irdischen Landschaft. (Während es auf dem Mond bekanntlich nix anderes gibt als Landschaft. Und ein bissl Müll. Von den Astronauten.) Dort ist allerdings noch keine chinesische Sonde gelandet. Sondern ein Tiroler erkundet diese ominöse, vom Menschen abgewandte Seite der Landschaft: Der Lois Weinberger.

Der starrt Mutter Natur auf den Hintern? Sozusagen. Zumindest betrachtet er sie aus diversen Perspektiven. Und einem Steinmarder sowie einem Fischotter hat er tatsächlich auf den Allerwertesten geglotzt. Quasi. Hat den Kot analysiert. Daraus lapidar minimalistische Bilder gemacht. Braune Quadrate. Es lohnt sich jedenfalls, genauer hinzuschauen, wenn man durch seine reichhaltige, geradezu wuchernde Retrospektive spaziert. (Zeichnungen, Texte, Fotos, Objekte aus 40 Jahren.) Sonst übersieht man vielleicht die tote Fliege hinter Glas. Die "Wild Cubes" sind freilich wirklich leer. Da muss man sich halt vorstellen, wie in diesen Käfigen die Wildnis in der Stadt in Schutzhaft genommen wird. Die Fauna und vor allem die Flora sind das Material des Tirolers (1947 in Stams geboren), der in Wien, Gars am Kamp und Innsbruck lebt und mit der Mutter Erde fünf Kinder hat. Mindestens. Die Babys aus lehmigem Ackerboden hat nämlich eindeutig er gezeugt. Und überall geht’s um Leben und Tod. Ein Mini-Garten ist zugleich ein Grab. Aus der Spontanvegetation blitzen Tierknochen heraus. Ein andrer ist verdurstet. Wie ein Mahnmal des Klimawandels. Ja, die älteren Arbeiten scheinen jetzt sogar immer aktueller zu werden. Schon 1997 hat Weinberger die Migration thematisiert. Genial botanisch. Hat für die "documenta X" Neophyten (zuagraste Pflanzen) auf einem stillgelegten Bahngleis angesiedelt. Oder 1977 einen Obstbaum mit lauter Plastiksackerln behängt.

In das Werk dieses "Feldarbeiters" in den Randzonen, dieses Gärtners in der Gstätt’n, kann man sich hier so richtig reinwühlen. Ohne sich dabei dreckig machen zu müssen.

Galerie Krinzinger

(Seilerstätte 16)

Lois Weinberger, bis 19. Jänner

Di. - Fr.: 12 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr