• vom 10.01.2019, 16:29 Uhr

Kunst


Friedrich Kiesler

Magier in der Raumhöhle




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Mumok zeigt Friedrich Kieslers "Endless House".

Friedrich Kieslers Visionen nehmen keine Rücksicht auf die Umsetzbarkeit. - © Kiesler

Friedrich Kieslers Visionen nehmen keine Rücksicht auf die Umsetzbarkeit. © Kiesler

Zwar hat Dieter Bogner schon zur internationalen Positionierung des wichtigen altösterreichischen Künstler-Architekten Friedrich, im New Yorker Exil Frederick, Kiesler (1890-1965) mit Ausstellungen ab 1988 beigetragen, doch nun schenkte er dem Mumok auch das wichtige zweite Modell des "Endless House" von 1950. Dieses ist auf den ersten Blick eine seltsam rohe Skulptur aus gebogenen Streifen von Maschendrahtgitter und Betonverputz, die höhlenähnliche organische Innenräume enthält und auf zwei Stützen steht. Als nicht ausführbares Gebäude ist es einer von vielen Versuchen Kieslers, mit biomorphen Formen auch ein "Space House" zu entwerfen. Diese "Galaxien" nehmen die Architekturvisionen der 1960er Jahre vorweg, die vor allem Hans Hollein, Raimund Abraham, die "Haus-Rucker-Co" Gruppe und Walter Pichler beflügelten. Für Kiesler war es eine demonstrative Absage an die damals international siegreiche funktionalistische Architektur, die ihm seelenlos und ohne körperlichen Wohlfühlfaktor mütterlicher Archetypen erschien.

Visionär der Architektur
Bogner hatte 1997 mit John Sailer die Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Stiftung als Ausstellungs- und Forschungszentrum gegründet, nachdem die Republik und die Stadt Wien, gemeinsam mit Privatsponsoren, den Nachlass von der Witwe erworben hatten. Da das Kiesler-Zentrum in der Casa Piccola (am Anfang der Mariahilfer Straße) aber nicht die Kapazitäten für viele Besucher hat und die erste große Personale im Mumok stattfand, gab Bogner dieses bedeutende Werk nun zur permanenten Präsentation in dieses Museum.


Immer noch ist der große Theoretiker der Architektur, der auch Möbeldesign, Ausstellungswesen und mit seiner "Raumbühne" das Theater ab 1924 revolutionierte, zu wenig bekannt. Das liegt auch daran, dass er kaum etwas gebaut, aber umso mehr geschrieben hat und Ideenskizzen neben Modellen zu einem wertvollen Archiv vereinte. Kiesler war und ist ein Kosmos für Visionen des 20. Jahrhunderts. Als solcher passt die Schenkung der Bogners kongenial in den improvisierten Ausstellungsraum.

Der dunkle Granitbau des Museums der Brüder Ortner, deren Architekturbüro 1987 aus der davor zu der experimentellen Gruppe von Kunstarchitekten und einem Bildhauer, genannt "Haus-Rucker-Co" hervorging, wurde vielfach kritisiert wegen seiner nahezu fensterlosen Sarkophag-Form, aber auch wegen des viel zu großen Stiegenhauses, das zu viel an Ausstellungsfläche beansprucht.

Eben diesen großen Schacht, der heute durch den weißen Kubus von Heimo Zobernig im ersten Obergeschoß unterbrochen ist, nützte Bogner erstmals als Präsentationsraum im ersten Untergeschoß für die Aufstellung des Kiesler-Modells, einiger kleinformatiger Vitrinen und unter Glas gerahmter Skizzen an der Wand aus Granitplatten. 2013 hatte das Theatermuseum zuletzt die "explodierende Kulisse", eine Verschränkung von Publikumsraum und Bühne, nach Präsentationen in New York (Whitney Museum), Paris (Centre Pompidou) und Berlin (Martin Gropius Bau) gezeigt, auch in Sachen neue Medien war der Maler und Architekt ein Vordenker, weil er neue Techniken nutzte und auch im Roten Wien bereits elektromechanische Robotik einsetzte. Die Raumbühne verselbstständigte sich von hier und Berlin aus, der Schöpfer wurde aber in Europa fast vergessen.

Die Dauerpräsentation des Modells macht Kiesler und seine heute zum Teil urban verwirklichten Visionen sichtbarer. Denn der Absolvent der TU in Wien, der auch als Bühnenbildner und Maler tätig war, wartete zu Lebzeiten vergeblich darauf, dass seine Bauvorschläge verwirklicht wurden. Das wahrscheinlich einzige noch vorhandene Bauwerk ist sein 1965, kurz vor seinem Tod, in Jerusalem mit Armand Bartos gebauter "Shrine oft the Book". Auch dabei gilt Kieslers Credo: "Architektur ist die Kunst, das Überflüssige sichtbar zu machen. Und Bauen und Beherbergen sind die Kunst, das Notwendige überflüssig zu machen". Kein Wunder, dass ihm, nach seinem frühen Weggang von Wien nach New York, bei Ausstellungsarchitekturen mit Marcel Duchamp und Max Ernst die bekanntesten surrealistischen Künstler halfen.

Ausstellung

Friedrich Kiesler. Endless House

Dieter Bogner (Kurator)

Mumok

Permanent im Stiegenhaus zu sehen




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Dokument erstellt am 2019-01-10 16:41:21



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