Uli Sigg ist seit den 1970er Jahren mit China als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und Schweizer Botschafter vertraut. Seine Asiensammlung ist riesig, einen großen Teil der Gegenwartskunst hat er aber 2012 ohne Bedingungen an China zurückgegeben und diese soll in einem von Herzog & de Meuron gebauten Museum in Hongkong bald sichtbar werden. Seitdem sammelt er aber weiter und gilt ohnehin als die Mittlerperson im Westen und Kenner der anfangs geheimen Orte, an denen Ausstellungen in den 1990ern stattfanden. Der chinesische Staat hatte damals kein Interesse an einer Sammlung für Gegenwartskunst, durch den Boom am Kunstmarkt im Westen setzte dann aber ein Umdenken ein. Nach zwei Stationen in Schweizer Museen zeigt nun das MAK die Schau "Chinese Whispers" samt Gegenüberstellung historischer Objekte zu den beiden Sammlungen Uli Siggs, als eine spezielle wie groß angelegte Variante der Kuratorin Bärbel Vischer.

Wenig bekannte künstlerische Positionen

Von den 57 künstlerischen Positionen sind nur wenige in Wien bekannt nach Ausstellungen der Sammlung Essl, dem Mumok und Belvedere. Der Titel weist in Art des "Stille-Post-Spiels" auf die Unmöglichkeit einer vollständigen Sicht hin. Man ist wenig unterrichtet über die verschiedenen Strömungen, die sich in China in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt haben - so folgten auf den sozialistischen Realismus die kritischen Varianten des zynischen Realismus, der politischen Pop und der Gaudy Art, was so viel bedeutet wie grelle Kunst. Doch werden diese auch kritisiert, weil sie angeblich westliche Vorlieben zeigen. Ist hier vielleicht zu wenig "Chinesischer Traum" Xi Jingpings zu spüren, der wieder Karl Marx als Pflichtlektüre verordnet hat? George Orwell kommt vor allem bei den Zeichnungen Song Tas in den Sinn, aber auch bei den ideologischen Grisaillen Liu Dings oder den gequälten Bonsaibäumen von Shen Shaomin.

Wer meint, dass China vor allem durch die digitale Moderne hauptsächlich mit technischen Medien in der Kunst auftritt, wird eines Besseren belehrt: analoges Malen gibt es gegenstandslos, geometrisch und in allen Varianten von Figur und Landschaft. Auch Schrift und Zeichen sind ein besonderes Thema - Liu Ding malt die politisch unaussprechliche Jahreszahl 1989.

Im Video Cao Yus ist die Muttermilch als "Fountain" eine feministische Anspielung auf Marcel Duchamp, der wie Sigmar Polke und Francis Bacon chinesische Erben zu haben scheint. Shi Jingsongs löchrige Ziegelplastiken zeigen dagegen mehr an chinesische Philosophensteine erinnernde Zwitter, auch Hybride zwischen Natur und Kunst, Tradition und Gegenwart.

Am Anfang und im Zentrum der Schau, aber auch in einer Saalecke, ist Ai Weiwei der Garant für westliches Interesse: Seine frühen schwarz-weißen Fotozyklen, meist Selbstinszenierungen in New York der 1980er Jahre, und auch seine riesige Metallskulptur "Descending Light with A Missing Circle" von 2017 lassen die Kritik des Künstlers am chinesischen Regime weniger spüren als jene Ambiguität, die seine Kunst zum internationalen Zeitdokument erhebt. Eine so kitschige wie zerbrechliche rote Laterne, die in Form eines zerbrochenen Kristalllusters daherkommt - symbolische Form trifft symbolische Farbe, von allem ein wenig zu viel, hinterlässt ein Bündel an Assoziationen. Die Ecklösung eines Tisches mit drei Beinen trifft hier auf Shao Fans zerlegten Ulmenholzstuhl, beide Arbeiten um 2005/06 zeigen den damals subtil-kritischen Umgang mit chinesischer Tradition. Wenn ein junger Künstler wie He Xiangyu eine hyperrealistische Kopie seines Promikollegen Ai Weiwei auf dem Bauch legt, der den Titel "Tod des Marat" trägt, weiß man nicht, ob es 2011 Huldigung oder Kritik ist. Systemkritiker und Bediener des Starkults, was wird dem Betrachter zugeflüstert? Sicher muss man die Fragen angesichts der Fülle an gebotenem Möglichkeitssinn dieser Kunst verändern wie sich auch die politischen Machtverhältnisse weltweit geändert haben. Der Gesichtskreis wird sich zukünftig noch erweitern und eine geschlossene Sicht ist ohnehin so weit entfernt wie das "Reich der Mitte".