Das französische Auktionshaus Artcurial mit Hauptquartier in Paris ist vergleichsweise jung: Es wurde im Jahr 2002 eröffnet, nachdem die Gesetze für Auktionen in Frankreich liberalisiert wurden. Das Unternehmen definiert sich als Vielspartenhaus und das Angebot reicht vom Impressionismus über die Klassische Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst. Das Portfolio wird mit Design, Luxusgütern (Juwelen, Uhren, Pferde), Immobilen bis zu exklusiven Automobilen ergänzt.

Die Wiener Dependance, 2014 eröffnet, wird von Caroline Messensee geleitet. Die Wienerin studierte Kunstgeschichte in Wien und an der Sorbonne, sammelte Berufserfahrungen bei renommierten Galerien und Institutionen wie Galerie Lelong, Karsten Greve oder Guggenheim. Seit 2012 ist sie bei Artcurial beschäftigt: zunächst als Direktorin für Moderne und Zeitgenössische Kunst. Danach folgt der Aufbau der Dependance in Wien. Aufgrund ihrer Initiative und Expertise wurde die Wiener Niederlassung - mit eigenem Ausstellungsprogramm - eröffnet. Messensees Rückkehr in die Donaumetropole - nach mehr als 20 Jahren an der Seine. Die "Wiener Zeitung" hat sie zum Interview über die Konzeption des Auktionshauses, den österreichischen und internationalen Kunstmarkt und das Potenzial österreichischer Sammlungen getroffen.

Caroline Messensee.
Caroline Messensee.

"Wiener Zeitung": Frau Messensee, wofür steht Artcurial? Was unterscheidet das Auktionshaus von anderen?

Caroline Messensee: Wir sind ein junges Unternehmen. Nachdem 2000 in Frankreich das staatliche Monopol bei Auktionen aufgehoben wurde, dauerte es nicht lange, bis Big Player wie Sotheby’s und Christie’s Büros in Paris eröffnet haben. Dem wollte unser CEO Nicolas Orlowski entgegenhalten. Er hat Artcurial gegründet, um auch in Paris Auktionen abzuhalten. Er hat merklich die Attitüde der Franzosen, bei vielen kleinen, fachspezifischen Auktionen einzukaufen, verändert und unterschiedliche Sparten, wie bildende Kunst, Design, Luxusgüter und Automobile, unter einem Dach vereinigt. Daher können wir auf ein breit gefächertes Angebot verweisen. Der Erfolg und das rasante Wachstum geben uns recht. Das Haus setzt heute mehr als 200 Millionen Euro um. Nun bilden wir mit Sotheby’s und Christie’s das führende Auktions-Trio in Frankreich.

Worauf konzentriert sich Artcurial bei der bildenden Kunst?

Wir sind bei der Akquisition international ausgerichtet. Selbstverständlich kann kein Auktionshaus den Heimatmarkt, die nationale Kunstszene außer Acht lassen. Aber unter den französischen Auktionshäusern ist Artcurial bei weitem am internationalsten aufgestellt.

Im Jahr 2012 wurde entschieden, Dependancen außerhalb von Paris aufzubauen. Nach Brüssel und Mailand war mit Ende 2014 ihr Büro in Wien die dritte Zweigstelle. Wie wurde die Eröffnung von der hiesigen Auktions-, Kunst-, Galerien- und Sammlerszene aufgenommen?

Wir wurden anfangs misstrauisch beäugt. Unsere Entscheidung erwies sich aber als sehr gut, sowohl für die Kunstszene als auch für den Handelsplatz: Ein renommiertes Haus hat sich für die Stadt entschieden. Der Wettbewerb wurde belebt und das Angebot hat sich signifikant erweitert. Denn die beiden anglosächsischen Häuser setzen hier vornehmlich auf eine gezielte Auswahl. Bonham’s hat sich wieder zurückgezogen. Daher sind wir die internationale Alternative zu den österreichischen Häusern.

Wonach richtet sich ihre Suche in Wien? Wie nachgefragt sind österreichische Künstler im internationalen Vergleich?

Um ehrlich zu sein: Es gibt nur wenige österreichische Künstler, die international relevante Ergebnisse bei Auktionen erzielen können. Wurm, West, Zobernig, Lassnig, dann wird’s schon schwierig. Mein Job definiert sich hauptsächlich dadurch, Kunden zu beraten. Daher macht es wenig Sinn, Werke heimischer Stars in Paris zu platzieren. Das führt nur zu Enttäuschungen auf beiden Seiten.

Wie schätzen sie die Sammlerszene hierzulande ein?Gibt es Sammlungen mit einem über die Grenzen anerkannten Werkeportfolio, das bei Auktionen nachgefragt wäre?

Ja, Gott sei Dank schon! Es hat auch sehr lange gedauert. Und wir würden uns wünschen, dass es mehr davon gibt. Belgien besitzt zum Beispiel eine viel elaboriertere Sammlerkultur. Die Tradition des Sammelns wird in den Familien weitergegeben. Als ich in einer Galerie in Paris gearbeitet habe, kam eine belgische Familie, Vater und Mutter mit Kind, um eine große Skulptur von Tony Cragg zu erwerben. Der Familienrat hat sich beratschlagt, ob sie die Skulptur tatsächlich wollen, da die Familie beim Erwerb auf einiges verzichten muss. Sie haben sich gemeinsam vor uns geeinigt, die Skulptur kaufen. Mit dem Einbinden wird ein ganz anderes Bewusstsein geschaffen. Ich werde mich sehr freuen, wenn ich demnächst in Österreich eine junge Generation, die das finanzielle Potenzial hat, erkenne, die sich nicht den fünften Porsche in die Garage stellt. Aufgeschlossene Menschen, die sich mit bildender Kunst befassen, die ja nicht nur einen nachhaltigen Wert widerspiegelt, sondern mit der man sich auch emotional und intellektuell auseinandersetzten kann. Je länger ich hier bin, desto mehr bemerke ich den Wandel in der Gesellschaft. Ich habe absolut das Gefühl, dass ein gesteigertes Interesse an Kunst kommen wird. Ich bin optimistisch. Aber natürlich ist Österreich nicht das leichteste Pflaster. Aber hier zu sein, macht durchaus Sinn.