Eine Bluse wie ein Gesicht: Falten und Flecken sind für Marina Cruz jedenfalls total okay. - © Katharina Stögmüller/Galerie Hilger und Marina Cruz
Eine Bluse wie ein Gesicht: Falten und Flecken sind für Marina Cruz jedenfalls total okay. - © Katharina Stögmüller/Galerie Hilger und Marina Cruz

(cai) Kein Wunder, dass seine Bilder so frisch ausschauen. Der José Yaque wickelt sie schließlich in Frischhaltefolie ein. Das hätte der van Gogh vielleicht auch tun sollen. Mit seinen Sonnenblumen. Die verwelken ja praktisch vor den Augen des geschockten Betrachters. Ihr Chromgelb wird jedenfalls mit der Zeit immer brauner. (Das soll nicht heißen: Auf den Komposthaufen mit ihnen!)

Okay, Yaques dynamische Malerei (Acryl und Lack auf Leinwand) hat noch keine 130 Jahre durchhalten müssen. Was in der Galerie Mauroner hängt, stammt größtenteils aus dem Vorjahr. Und der Rest ist höchstens fünf Jahre alt. Außerdem bleibt die Folie eh bloß eine Woche drauf. Aber immerhin. Und durch die Abdrücke, die sie hinterlassen hat (diese charakteristischen Falten), hat man ohnedies das Gefühl, sie wäre noch da.

Elementare Kräfte lässt der Kubaner auf die Farbmassen einwirken: die Gravitation und seine Körperkraft. Die originelle Technik ("sehr experimentell"): Jede Menge Farbe, dann die Folie drauf, und zum Schluss wird mit den Händen gedrückt und geschoben. Also im Grunde Prozesse, wie sie in der Erdkruste ebenfalls ablaufen. (Der Teil mit dem Druck und dem Geschiebe.) Und wenn die Folie wieder abgezogen wird, bleiben brillante seismische Farbwellen übrig. Tektonische Erschütterungen mit reizvollen Farbverläufen. Oder Erinnerungen an Gesteinsschichten respektive an sanft bewegte, spiegelnde Wasseroberflächen. Yaque: "Es ist immer eine Überraschung."

Schöpfungsgeschichten sind das sowieso. Die vom Ursprung der Farbe erzählen. (Wieso? Kommt die Farbe nicht aus der Tube?) Die Pigmente hat man ja, früher zumindest, fleißig aus dem Boden geholt. Eindrucksvoll. Schon allein wegen der imposanten Formate.

Mario Mauroner

Contemporary Art Vienna

(Weihburggasse 26)

José Yaque, bis 13. März

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr

Auch Kleider kriegen Lachfalten

(cai) Zwischen den folgenden Zeilen steht - nicht das Geringste. Aber bei den Geschichten, die die Bilder von Marina Cruz erzählen, kann man angeblich schon was zwischen den Zeilen lesen. Oder sehen. Beziehungsweise zwischen den Strichen. Den Pinselstrichen. Der Titel der Ausstellung in der Galerie Hilger ist jedenfalls eine Gebrauchsanweisung: "Read between the lines." Und wenn man ganz genau hinschaut, erblickt man ja tatsächlich überall die Buntheit zwischen den Farben. Nämlich das bunte Leben.

Die philippinische Künstlerin näht quasi mit dem Pinsel. Webt damit sogar alle Stoffe. Okay, nicht sämtliche alle. Die Leinwand, die sie auf den Keilrahmen spannt, ist natürlich keine Illusionsmalerei. Sondern echt. Doch dafür malt sie Kleidungsstücke mit einer solchen altmeisterlichen Freude am Detail, dass zwangsneurotische Betrachter womöglich versuchen werden, den losen Faden da abzuschneiden. Das Gewand ist übrigens nicht nur "Made in the Philippines", es ist "Selfmade in the Philippines". Von der Großmutter selbstgeschneidert. Für deren Zwillingstöchter, also für die Mutter der Künstlerin und deren Schwester. Und die Enkelin bringt die Kleiderln und Bluserln, aus denen die einstigen Trägerinnen längst herausgewachsen sind, nun auf die Leinwand. Drei Generationen vereint in jedem Bild. Eigentlich Porträts. Kleider mit Persönlichkeit, die vom Leben schwatzen wie Gesichter voller Mimikfalten. Sie verlieren dabei vielleicht manchmal den Faden, weil sie müde geworden sind und Cruz außerdem alle Gebrauchsspuren, die Flecken, Risse, abgewetzten Stellen, mit geradezu forensischer Genauigkeit schildert. Durch das starke Heranzoomen wirken die Gewänder oft fremd und umso geheimnisvoller, oszilliert diese hervorragende Malerei zwischen einem greifbaren Realismus und abstrakter Kunst.

Die Künstlerin, die früher als Kind Archäologin oder Paläontologin werden wollte, hat dann später zwar keine Saurierknochen ausgegraben, aber Relikte aus ihrer eigenen Vergangenheit. Oder Vorvergangenheit. Lauter Zeitzeugen. Oder Zeitmaschinen?

Galerie Ernst Hilger

(Dorotheergasse 5)

Marina Cruz, bis 16. Februar

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr