• vom 06.02.2019, 11:30 Uhr

Kunst


Ausstellungskritik

Rotkäppchen und die Diktatoren




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Maria Legats künstlerische Zwiesprache mit Hieronymus Bosch.

Bezugnahme auf Hieronymus Bosch: ein Detail aus Maria Legats großformatiger Arbeit "Das Fleisch darunter".

Bezugnahme auf Hieronymus Bosch: ein Detail aus Maria Legats großformatiger Arbeit "Das Fleisch darunter".© Maria Legat Bezugnahme auf Hieronymus Bosch: ein Detail aus Maria Legats großformatiger Arbeit "Das Fleisch darunter".© Maria Legat

Sich mit Hieronymus Bosch und damit dem Herzstück der Sammlungen der Gemäldegalerie der Akademie, derzeit im Theatermuseum, zu messen, ist zwar nicht einfach, aber eine besondere Herausforderung: Sein "Wiener Weltgericht" entstand um 1500, ebenfalls in Zeiten großer wirtschaftlicher Umwälzungen und Unsicherheiten in Europa. Die Malerfamilie Bosch war zwar an Aufträge der Kirche und des Kaiserhauses inhaltlich gebunden, übte sich aber in Erfindungen besonderer dämonischer Mischwesen in dunklen und brennenden Höllenlandschaften, die zwei Drittel des dreiteiligen Altarwerks einnehmen. Als erste von drei Künstlerinnen hat Maria Legat heuer diese Aufgabe angenommen und, da es auch ihre erste Präsentation in einem Museum ist, eine über sechs Meter breite und über drei Meter hohe Leinwand an der gegenüberliegenden Wand gespannt, die sie in Mischtechnik figurativ bemalte.

Asketische Wirkung

Information

Ausstellung
Bosch & Legat
Julia M. Nauhaus (Kuratorin)
Gemäldegalerie der Akademie im Theatermuseum
Bis 8. Mai

Die Künstlerin hat nach Besuch der Ortweinschule in Graz 2009 bis 2018 bei Daniel Richter und Ashley Hans Scheirl an der Akademie Malerei studiert, sie hat an Street-Art-Festivals teilgenommen, an Comic-Zeichenwettbewerben, hat Bühnenbilder für die Grazer Oper mit zwei Kollegen erarbeitet und allein und mit einem Künstlerkollektiv in Galerien und Kunsträumen ausgestellt.

Im Gegensatz zu der vielschichtigen Ölmalerei des Niederländers lässt sie das Gewebe durch die dünne Grundierung und Wasserfarbenmalerei mitwirken. Damit bekommt "Das Fleisch darunter oder Und zur Lage der Welt XXIX" den Charakter einer Tüchleinmalerei, die in der Passionszeit über die Altarbilder gehängt, auch eine asketische Wirkung beabsichtigt. Zudem wird die Leinwand ohne Keilrahmen an die Wand genagelt, was jene Reduktion noch mehr betont. Auf dem biologisch abbaubaren Leinen begann sie ohne Vorskizzierung mit einer Kohlezeichnung, in diesem Fall rechts, bei der Größe der Leinwand war eine Leiter zur Ausführung nötig.

Erst im voranschreitenden Zeichenvorgang, der wie im Furor eines zornerfüllten Gedankens abläuft, entsteht das Bild, gemalt wird auf geleimten Grund mit Pigmenten und Acryl, wobei sich Wasserrinnen bilden, die an der Gesamterscheinung mitwirken. Der Blick öffnet sich in eine vielschichtige Landschaft, in der zwei große kopflose Mittelfiguren auf zwei Motivinseln links und rechts treffen. Die Inhalte sind wie bei Bosch zum Großteil rätselhaft, auch wenn die Künstlerin den rechten Figurenturm mit "Stiefellecker" betitelt. Links hebt sich eine behaarte Gestalt aus einem berstenden Tierkörper, ob Bär oder Wolf, bleibt dabei offen. Das noch hockende Wesen zückt kämpferisch ein Messer, ist behaart wie Maria Magdalena in der Legende, trägt eine rote Kappe, und kann wohl als Alter Ego angesprochen werden. Sie droht Richtung Mitte aufzuspringen, wo die beiden Kopflosen dahintrampeln, kindlich anmutende Zerstörer von Feldern und Wasser, auf dem vollbesetzte Boote von den Stiefelleckerclowns weggetreten werden. Im Hintergrund führt eine Treppe aus der felsigen Berglandschaft, vielleicht ein Ausweg, wäre da nicht über allem die bedrohliche rosarote Färbung der Wolken am blauen Himmel.

Kindliche Zombies

Für Betrachter gibt es nur eine vielschichtige Deutung, wobei eine Möglichkeit anbietet, in der zarten Farbigkeit Legats die Todsünden von heute zu sehen, die da lauten: Klimawandel, atomare Bedrohung, Reproduktionsmedizin und Verschwendung sowie in deren Folge Fluchtbewegungen über sich zurückziehende Wasser. Ob wir die kindlichen Zombies nun mit Namen von Politikern versehen oder nicht: Das Rotkäppchen warnt bei seiner (unterschwellig auch feministischen) Erhebung aus dem Bauch des Wolfes mit einer klaren Geste, Ungerechtigkeiten und Schieflagen zu bedenken. Ähnliches meinen wir in der Bildsprache des Bosch-Altars gegenüber in den sich im Fegefeuer tummelnden Dämonen zu erkennen, die wir gerne als Hinweise des Renaissancekünstlers auf das Fehlverhalten der Mächtigen um 1500 lesen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-05 15:56:51
Letzte Änderung am 2019-02-05 17:25:04



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