Manfred Willmann nützt nächtliche Szenerien und spezielle Belichtungstechniken, um seinen Motiven eine Art Künstlichkeit zu verleihen. - © Albertina
Manfred Willmann nützt nächtliche Szenerien und spezielle Belichtungstechniken, um seinen Motiven eine Art Künstlichkeit zu verleihen. - © Albertina

Immer schon beschäftigten den österreichischen Fotografen Manfred Willmann (1952 geboren in Graz) alltägliche Szenen, die er mit der Kamera nahsichtig festhielt. Dabei sind seine nur anfänglich schwarzweißen Serien aus dem unmittelbaren Lebensumfeld in Graz und der bäuerlichen Struktur der Südsteiermark entstanden.

In Graz entschied sich der Künstler, nach den Anregungen in der Kunstgewerbeschule durch Lehrer wie Richard Kriesche und den Fotografen Erich Kees sowie die Entdeckung durch Otto Breicha, für die Fotografie. Ab 1975 leiteten Willmanns Aktivitäten im Umfeld des avantgardistischen "Forum Stadtpark" und des Festivals "steirischer herbst" die wichtige Erneuerung der künstlerischen Fotografie nach 1945 ein. Was zusätzlich untermauert wurde dadurch, dass er mit seiner Partnerin Christine Frisinghelli von 1980 bis 2010 auch Gründer und Herausgeber der bekannten Fotozeitschrift Camera Austria International war.

Heimatbegriff im Blitzlicht

Die Albertina zeigt sechs umfangreiche Werkserien. Im Zentrum steht der mehrteilige Zyklus "Das Land (1981-1993)". Im schmalen Saal dahinter sind
die ersten zwei Serien "Schwarz und Gold" sowie "Die Welt ist schön" aus den späten Siebziger- und Beginn der Achtziger-Jahre zu sehen.

Die digitalen Prints der letzten Jahre ergänzen, sie entstanden ab 2005 und sind 2017/18 unter dem Titel "Blitz & Enzianblau" erschienen. Die Nahsichtigkeit der Motive ist hier noch unerbittlicher geworden, doch schon früh zeichnete sich dies als Methode Willmanns ab, die es ihm erlaubte, realistisch, aber ohne ideologische Belastung des Heimatbegriffs oder touristische Verklärung seine unmittelbare Umgebung abzulichten.

Das Interesse für Soziologie und französischen Strukturalismus bestimmte viele in Graz organisierte Projekte mit internationalen Kollegen, damals vor allem die selbst in Wien noch unbekannte "New Color Photography" aus den USA, die auch bei ihm ihre Spuren hinterlassen hat. Er arbeitet seit damals neben Nahsicht und davon bedingtem Ausschnitt mit quadratischem Format, in Serie und mit Blitzlicht, was den banalen Szenen ein Abdriften ins Absurde verleiht, da die Farbigkeit von Wiesen, Moosen, aber auch Kirschen surreal gesteigert wird.

Vieles, was Willmann in den Jahrzehnten seiner Arbeit festgehalten hat, von den heute verbotenen Schlachtungen am Land, den Wirtshausszenen aber auch von Insekten und Vögeln, ist heute verloren oder verboten, oder es ist undenkbar geworden. Das steigert die damals schon vorhandene Vergänglichkeit ins Melancholische: viel Blut auf der verschneiten Straße, Esstische mit Hausmannskost und Rauchern, die Hände von Kartenspielern mit Schillingbanknoten. Immer kehren Rasenstücke, Dickicht, mit Harz verschmierte Baumwunden wieder, auch bellende Hunde hinter Zäunen oder Äste berührende Rotkäppchen in der Nacht.

Willmanns Frau im Zyklus "Für Christine (1984-1988)" wird als Porträtausschnitt intuitiv kombiniert mit einem Gegenstand oder einem Interieur oder Landschaftsausschnitt. Konzept trifft persönliche Stimmung - eine damals in Österreich von der klassisch orientierten Fotoszene unverstandene Vorgangsweise. Vor allem Farbe und Blitzlicht waren verpönt. Der schwarze Schwan aus der Serie "Das Leben ist schön (1981-1983)" wirkt künstlich, fast schon kitschig, aber auch nächtlich rätselhaft - hierbei kam die Anregung des Titels aus der "Neuen Sachlichkeit" und Albert Renger-Partzsch von 1928.

Steigerung des Realismus

Manfred Willmann hängt seine Serien, die für ihn ohnehin kein wirkliches Ende haben, in Gruppen, und er lehnt neben dem Konzeptuellen das Erzählerische nicht ab. Kontaktabzüge kombiniert er mit dem Wort Kontakt zur abgebildeten Person.

Bei der Verwendung von Farbfilmen galt es, der Gefahr zu begegnen, zu nahe an Werbung und Amateurfotografie zu sein, doch reizte es Willmann besonders, den Realismus zu steigern. Der Printfetischismus in der eigenen Dunkelkammer bedeutete ihm nie etwas, weshalb seine Abzüge in Labors entwickelt sind. Die oft hart erscheinenden Inhalte integrieren viele persönliche Beobachtungen Willmanns, und auch die verwendeten Objekte sind ihm ganz nahe: Da kommen dann Krieg und Flucht ebenso mit ins Spiel wie die direkten Bezüge zur Natur oder die gärtnerische Ader seines Großvaters.