Weibliches Bodybuilding von Misleidys Castillo Pedroso um 2016. - © M. Castillo Pedroso
Weibliches Bodybuilding von Misleidys Castillo Pedroso um 2016. - © M. Castillo Pedroso

Auch wenn sich unser Umgang mit der Art Brut schon durch Jean Dubuffet ab 1960 verändert hat und Künstler wie Arnulf Rainer oder Peter Pongratz Pilgerfahrten in die Klinik von Gugging unternahmen, um sich selbst eine kreative Anregung von psychisch Kranken zu holen, gibt es auch auf diesem Gebiet noch Unbekanntes. Man verwendet Dubuffets relativ neutralen Begriff, die Zeit, als Psychiater Leo Navratil es die Kunst der "Zustandsgebundenen" nannte, ist vorbei. Denn heute, nach Museumsgründungen in Europa, einer gewachsenen Sammlerschar und damit auch einer Veränderung am Kunstmarkt, haben sich die Tore in Richtung einer ästhetischen Gleichbehandlung noch weiter geöffnet. Doch die spontan "Naiven", die ihre Kunstwerke aus innerer Notwendigkeit, unverstellt von akademischen Regeln schaffen, waren in Publikationen und Ausstellungen des 20. Jahrhunderts nur Männer. Auf die vielen weiblichen Patientinnen wurde mit wenigen Ausnahmen vergessen.

Von Südamerika bis Japan

Das Kunstforum widmet sich 20 Jahre nach der großen Schau "Kunst und Wahn", die seinerzeit Ingried Brugger mit Peter Gorsen konzipiert haben, nun ausschließlich den Malerinnen, schreibenden Zeichnerinnen oder aus Textilien und andere Materialien Objekte formenden künstlerischen Forscherinnen der Art Brut. Der nahezu weltweite Überblick bis Japan vereint mehrere historische und heutige Sammlungen. Früher waren schreckliche Schicksale von Patientinnen bis zum Mord durch die Nationalsozialisten an Ida Maly mit dieser Kunst verbunden. Dem folgte das Vergessen, doch beides ist heute abgelöst von forschendem Interesse und einer positiven Arbeitswelt in freien Ateliers. Seit Jahren haben sich Medikamente und Psychiatrie völlig verändert, es kamen neue Einrichtungen und private Initiativen, etwa zur Förderung von Menschen mit Autismus, dazu. Selbst in Gugging gibt es im offenen Atelier Johann Feilachers eine Künstlerin, Laila Bachtiar, dazu tauchten Sammlungsteile auf, die vielleicht von der in der Frauenabteilung tätigen Ehefrau Navratils kamen.

Im Foyer empfängt eine der Jüngsten, die Kubanerin Misleidys Castillo Pedroso, mit muskulösen Behauptungen zu weiblichem Bodybuilding, bevor ein langer weißer Vitrinentisch in die Ausstellung weiterführt. Darin ist die 14 Meter lange Buntstiftzeichnungsrolle von Aloïse Corbaz, die ähnlich Unica Zürn und zuletzt Judith Scott durch die Biennale 2017 in Venedig, einem Insiderpublikum bekannt ist. Neben der storyboardartigen Prinzessinnen-Vision und ihren größeren Blättern an der Wand, erhebt sich der aus verschiedensten Materialien genau nach naturkundlichem Vorbild, jedoch in ungewöhnlichen Materialien gestaltete "Nanotyrannus" von Julia Krause-Harder. Von 2013 und 2016 sind die zwei aus einer Mission für Dinos geschaffenen
Skelette aus teils bunten Plastik- und Papierteilen, es sollen noch etwa 800 im privaten Atelier Goldstein in Frankfurt folgen, bis alle bekannten Dino-Arten vereint sind.

Entdeckungsboom

Die große kreative Energie hinter den Projekten der Künstlerinnen spürten schon die bekannten ersten Sammler und Psychiater wie Walter Morgenthaler aus Bern und Hans Prinzhorn aus Heidelberg. Prinzhorns frühe Publikation "Bildnerei der Geisteskranken" löste 1922 bei den Surrealisten einen ersten Entdeckungsboom aus - allerdings war es nach 1945 Dubuffet, der als Künstler die Wichtigkeit dieser Arbeiten erkannte und seine große Kollektion nach Ablehnung durch den französischen Staat Lausanne schenkte. Beispiele aus allen drei Sammlungen werden ergänzt durch Gugging, das LaM bei Lille, und durch neue Sammlerinnen wie Hannah Rieger. Ingried Brugger stand ihr auch als Ko-Kuratorin in Sachen Gegenwartskunst zur Seite. Bei einigen Blättern von Magali Herrera könnte auch Max Ernst drunter stehen, bei anderen Henri Michaux, es würde nicht verwundern.