Katharina Brandl will im Kunstraum Niederösterreich sowohl interessierte Laien wie Fachleute ansprechen. - © Roman Seifert
Katharina Brandl will im Kunstraum Niederösterreich sowohl interessierte Laien wie Fachleute ansprechen. - © Roman Seifert

Wien. Mit Jahreswechsel 2019 hat der Kunstraum Niederösterreich eine neue künstlerische Leitung. Die Kuratorin und Wissenschafterin Katharina Brandl folgt Christiane Krejs nach, die nach 13 erfolgreichen Jahren in den Ruhestand getreten ist. Die 1986 geborne Brandl studierte an der Universität Wien Politikwissenschaft und Kunstgeschichte sowie "Critical Studies" an der Akademie der bildenden Künste. Nach einigen Jahren in der als Projektleiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kulturbereich wechselte sie 2016 nach Basel, wo sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunsttheorie des Kunsthistorischen Seminars (Schwerpunkte: digitale Kunst, feministische Kunstgeschichte und Performance als Medium) tätig ist. Die "Wiener Zeitung" traf Katharina Brandl zum Gespräch über ihre Programmplanung, die algorithmisierte Gegenwart, die Gefahren und Vorteile der Technologisierung und welche Rolle die zeitgenössische Kunst dabei einnehmen kann.

"Wiener Zeitung": Frau Brandl, in welcher Welt leben wir?

Katharina Brandl: In einer sehr komplizierten Welt. Aber ich verwende lieber den Begriff Gegenwart. Also in einer Gegenwart, die wir nicht wahnsinnig gut verstehen. Eine Ära, die ungemein stark technologisch geprägt ist. Daher habe ich das erste Jahresprogramm auch der Thematik gewidmet. Was bedeutet es, in einer algorithmisierten Gegenwart zu leben? Für mich ist das Denken in Zeitlichkeiten grundsätzlich interessant. In welcher zeithistorischen Kontinuität leben wir eigentlich? Ist es die Welt nach 1989? Oder ist es die Welt nach 2008, nach der großen Finanzkrise? Wo begegnen uns die gesellschaftlichen und sozialen Brüche? Das sind für mich persönlich grundlegende Fragen. Natürlich bis zu jenem Punkt, an dem die zeitgenössische Kunst ’reinspringt und wir durch künstlerische Arbeiten über die Gegenwart reflektieren können.

Welche Aufgabe hat Ihrer Meinung nach zeitgenössische Kunst in der heutigen Gesellschaft und Politik? Was kann Kunst leisten?

Mir sind die Limitationen künstlerischer Arbeiten vollkommen bewusst. Es ist weit überzogen zu glauben, dass Kunst aktiv und unmittelbar in politische Zusammenhänge intervenieren und sie beeinflussen kann. Das bedeutet aber nicht, dass sie politisch wirkungslos ist. Genauso wie Demonstrationen und Volksbegehren nicht unmittelbar zu legistischen Änderungen führen. Es geht um viel mehr: Menschen sollen aufgerüttelt werden, anders über Problemstellungen nachzudenken. Künstlerische Arbeiten können hier Impulsgeber sein. Dinge funktionieren nicht nur mit 0 oder 1 - sie sind viel komplexer. Durch meine Arbeit als Kuratorin möchte ich mit thematischen Gruppenausstellungen Denkräume schaffen. Aktuelle Kunst adressiert natürlich nicht alle Leute gleichermaßen demokratisch. Gegenwartskunst zugänglich zu machen, ist meine Aufgabe. Aber es ist eine sehr schwierige Aufgabe. Insofern kann Kunst nicht die Welt verändern, aber sie kann uns helfen, aus unterschiedlichen Perspektiven über Zusammenhänge nachzudenken.