Rosenkavalier: "Il Biondo", ein romantisches iPad Drawing von Christy Astuy. - © Galerie Gerersdorfer
Rosenkavalier: "Il Biondo", ein romantisches iPad Drawing von Christy Astuy. - © Galerie Gerersdorfer

Wenn Janus mit sich selber Bock schaut

(cai) Was in der Galerie Meyer Kainer auf Styroporsockeln herumsteht, das sind definitiv keine Porträtbüsten. Zumindest keine herkömmlichen. Denn von denen erwartet man sich ja schließlich, ach, dass sie irgendwem ähnlich schauen? Gut, das möglicherweise auch. Aber vor allem: dass sie überhaupt ein Gesicht haben. Und die von der Gruppe gelatin zeigen lediglich ihre Hinterköpfe.

Hinterköpf-e. Plural. Die besitzen nämlich alle gleich zwei davon. Einen hinten, einen vorn. Lauter introvertierte Janusköpfe, die sich von der Welt abwenden. Oder versinkt Narziss in seinem Spiegelbild? Und eigentlich sind das Löcher (= von Substanz umgebene Leere), bei denen sich die Materie ausnahmsweise nicht außerhalb befindet, sondern drinnen. Die vier von gelatin (Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither, Tobias Urban) mögen jedenfalls eindeutig Löcher. Einmal haben sie jeden Tag beharrlich dasselbe Loch gebuddelt, um es am Abend wieder zuzuschütten. Und für die Expo 2000 ein Wasserloch gegraben, durch das man zu einem "Weltwunder" tauchen hat können.

Und jetzt? Ist’s genau wie in dieser Anekdote, wo ein Bildhauer auf die Frage, ob es denn schwer sei, einen Löwen in Stein zu meißeln, antwortet: "Nein, gar nicht. Man muss einfach nur alles wegschlagen, was nicht nach Löwe aussieht." Bloß umgekehrt. Gelatin entfernen alles, was nach Löwe ausschaut. Oder halt nach Hinterkopf. Weiden einen Styroporblock aus (keinen so großen wie im belvedere 21, wo sie vor Publikum auf einem 512-Kubikmeter-Trumm herumgekraxelt sind) und gießen dann den Hohlraum mit Gips aus. Leere erzeugen (in einem klassischen Verpackungsmaterial) als eigentliche bildhauerische Arbeit. Okay, die Fragen, die das aufwirft, sind irgendwie spannender als die Antworten, als diese Büsten.

Da schnurren die Bärte

(cai) Woran erkennt man den romantischen Liebhaber? Am Blumenstrauß in der Hand. (Blöde Frage.) Oder an der Gitarre.

"L’ Amante (Der Liebhaber)" heißt Christy Astuys blumen- und gitarrenreiche Ausstellung in der Galerie Gerersdorfer. Liebhaber, der. Könnte man aber genauso gut auch übersetzen mit: Liebhaber-in, die. Und in den allegorischen Gemälden und iPad Drawings schmachten tatsächlich lauter LiebhaberInnen. Mit Binnen-I. Sehr großem Binnen-I. Für das brauchen die ja bereits eine Schamkapsel. (Zu der manche schlicht "Eierwärmer" sagen. Zu diesem Must-have für den modebewussten Herrn der Renaissance.) Die Männer sind nämlich gegendert. Oder eigentlich die Frauen. Jedenfalls sind Letztere als Erstere verkleidet. Na ja, der Rosenkavalier ist halt eine Hosenrolle. Wie in der Oper. Also alles nur Theater? Mit Kostümen und aufgeklebten Bärten? Allen pickt noch dazu derselbe aufgezwirbelte Schnurrbart im Gesicht. Sogar den Frauen, die als Frauen kostümiert sind (und nicht als Gigerln). Ein "Equalizer" (Astuy) in diesem koketten Verwirrspiel, in dem heftig mit den Geschlechterklischees geflirtet wird. Und mit den Alten Meistern.

Selber spielt die in Wien (und Umbrien) liebende, Tschuldigung: lebende Amerikanerin ebenfalls gern mit. Zitiert dabei fleißig die Kunstgeschichte. Porträtiert sich als "Liebhaber mit Perlenohrring" ("Ich steh auf Piratentypen") oder wartet mit verwelkenden Blümchen auf die offenbar unpünktliche Geliebte. Tritt als Beschützer auf (nein, nicht als Zuhälter). Mit brennendem Strauß, der von den Flammen der Leidenschaft verzehrt wird. Und Bette Davis ist ihr neues Alter Ego ("jetzt, wo ich älter werde"). Hier als Elizabeth I., die jungfräuliche Königin. Als Kriegerin. ("Sie ist das ultimate Bad Ass. Sie ist meine Neue. I love her.")

Lustvolle Beziehungsgeschichten voller Humor (und Ernst). Und eine teuflisch gute Malerei. Analog in Öl und digital. Moment: iPad Drawing. Wieso nicht iPad Painting? Das ausgedruckte Ergebnis ist doch extrem - malerisch. Schon. Aber die Technik hat mehr was Zeichnerisches. ("Man fährt mit einem Stift herum.") I’m lovin’ it.