Heinrich Kühn verwendete im "Sonnenschirm" Techniken, die als sensationell empfunden wurden. - © Albertina, Wien
Heinrich Kühn verwendete im "Sonnenschirm" Techniken, die als sensationell empfunden wurden. - © Albertina, Wien

1887 wurde in Wien der "Club der Amateur-Photographen" gegründet, 1893 umbenannt in "Camera-Club"; das sehr kostspielige Freizeitvergnügen mit der Kamera konnte sich, ähnlich dem Eislaufen und Fahrradfahren, nur die gehobene Gesellschaftsschicht leisten. Doch auch in anderen Städten, 1884 in New York, 1888 in Paris, 1891 in Hamburg und 1892 in London, schloss man sich abgrenzend zu den als starr empfundenen Berufsfotografen zu ambitionierten Vereinen zusammen. Bald war es kein teurer Sport mehr, sondern entwickelte sich mit hochästhetischem Anspruch in Richtung Kunst und Wissenschaft. In der Künstlerkolonie auf der Hohen Warte wohnten Carl Moll und Koloman Moser in Villen von Josef Hoffmann wie die Fotoamateure Hugo Henneberg und Friedrich Victor Spitzer. Die Clubabende mit Diavorträgen waren etwa in der Urania so ausgebucht, dass sie bis zu dreimal wöchentlich wiederholt werden mussten, und auch Mitglieder der Hocharistokratie beteiligten sich gleichzeitig als Mäzene.

Parallelen zur Malerei

Astrid Mahler, Fotokuratorin der Albertina, forscht seit Jahrzehnten in Sachen Camera-Club und entdeckt immer noch Konvolute aus dessen Umfeld, die die Kunstfotografie der Amateure über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hinaus in Österreich verbreiteten. Vor allem aber waren die Aktivitäten verbunden mit der Secession und dem Künstlerhaus. Ausstellungen gab es zudem über die Vereinsräume hinaus im Museum für Kunst- und Industrie (heutiges MAK). Vor allem die neue Technik aus Paris, der Gummidruck, ein nur für ein Positiv mögliches Edeldruckverfahren mit Pigmenten, gelöst in Gummiarabikum-Tinktur plus lichtempfindlichen Chromsalzen, machte die Fotografie zum einmaligen Kunstwerk, das in der Publikation "Ver Sacrum" völlig gleichwertig neben Rötelzeichnung oder Malerei abgedruckt wurde und in Ausstellungen, aber auch Jugendstil-Räumen als Ausstattungsstück neben Gemälden hing.

Die bekanntesten Künstler, die im als sensationell empfundenen Dreifarben-Gummidruckverfahren arbeiteten, waren der Innsbrucker Heinrich Kühn, Hugo Henneberg und Hans Watzek, die sich auch "Kleeblatt" oder "Trifolium" nannten. Kühn erfand mit Arthur von Hübl das Autochromverfahren, eine frühe Form des Farbdiapositivs für die begehrten Lichtbildvorträge. Auch Künstlermappen und Folianten zu "Skizzen aus dem Süden" wurden exklusiv in geringer Auflage hergestellt. Es gab auch Mikrofotografie für die Wissenschaft und künstlerische Anleitungskombinationen, und die Momentfotografie begünstigte Aufnahmen sich bewegender Pferde im Umfeld des Militärs, aber auch der bewegte Radfahrer wurde dokumentiert. Unter den etwa 300 Mitgliedern des Camera-Clubs waren von Anfang an auch Frauen, gegen Ende des Phänomens im Ersten Weltkrieg wurden sie noch mehr. In der Schau ist Olga von Koncz in der überblicksartigen digitalen Diashow vertreten.

In der Münchener Secession gab es 1898 eine erste gemischte Ausstellung von Skulpturen, Malerei, Grafik und Fotografie, die Secession Wien zog 1902 nach, und der Camera-Club veranstaltete spezielle Ausstellungen in seinen Clubräumen, die ein wenig den englischen Clubs nachempfunden waren, oder man zeigte im MAK an die 4000 Objekte und Bildbeispiele, die von den technischen Neuerungen für die Amateure, also von der Kamera bis zum Anleitungsbuch, alles integrierten. Einige dieser Publikationen sind in einer Vitrine mitausgestellt, dabei auch die schon damals in enormer Auflage von 810.000 Stück verkauften Anleitungshandbücher Ludwig Davids.

Blicke auf Elendsquartiere

Eine inhaltliche Ausnahme bilden die soziologischen Aufnahmen Hermann Drawes, der mit dem Journalisten Emil Kläger die Elendsquartiere Wiens in der Vorstadt dokumentierte, allerdings ohne den pittoresken Blick der Reichen auf den Bettler als Typus. Kläger publizierte "Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens" 1908, Drawe hielt davor 1904 mit handkolorierten Silbergelatine-Glasdiapositiven die Vorträge. Im Gegensatz dazu befasste sich der Bauingenieur Robert von Stockert mit Botanik und Blumenfotografie. Die Ästhetik der Kunstfotografie der Jahrhundertwende verlor erst mit der Neuen Sachlichkeit und dem Bauhaus seine Nähe zur Malerei und Grafik.

Ausstellung

Der Wiener Camera-Club
um 1900 - Liebhaberei der Millionäre

Astrid Mahler (Kuratorin)

Photoinstitut Bonartes

Bis 10. Mai