Ziemlich brutal, die "8 Haken, 8 Löcher, 8 Bögen" von Anneliese Schrenk. - © Galerie Mario Mauroner
Ziemlich brutal, die "8 Haken, 8 Löcher, 8 Bögen" von Anneliese Schrenk. - © Galerie Mario Mauroner

Die Schwerkraft ist also blau

(cai) Nein, man muss nicht Ovids "Metamorphosen" gelesen haben, um die Bilder von Virginie Bailly zu verstehen. Nicht einmal wissen muss man (oder googeln), wer diese ominöse Daphne ist und welches Anliegen sie gehabt hat, auch wenn die Ausstellung bei Straihammer und Seidenschwann "Daphne’s Request" heißt. Man kann getrost nur schauen und sich im reichhaltigen dynamischen Geschehen verlieren.

Okay, die Daphne hat um ein Wunder gebeten, damit der Apoll sie endlich nimmer belästigt. Und dann war sie plötzlich ein Lorbeerbaum. (Wieso sie und nicht ihr Stalker? Und der hat sie nachher noch immer nicht in Ruhe gelassen. Hat sich aus ihren Blättern einen Kranz geflochten.) Jedenfalls hat die Künstlerin geträumt, sie werde zu einem Baum. So einen hab ich auf ihren Leinwänden zwar nicht bemerkt, dafür scheint sich ständig das eine ins andere zu verwandeln. Das Chaos in Ordnung (oder umgekehrt), die Fläche in Raum, Abstraktes ins Gegenständliche, Malerei in Collage. Werden hier neue Welten erschaffen (durch eine Art Urknall) oder explodieren die alten? Schöpfung oder Zerstörung? Oder beides zugleich? Opulent und bunt.

Die klaren, reduzierten (abstrakten) Zeichnungen von Krasimira Stikar sind leiser, aber fad garantiert nicht. Und sogar verspielt. Mit unglaublicher Präzision. Wenn etwa die Gravitation mitmachen darf. In "Schwerkraft (Blau)". Und natürlich ist nicht die Schwerkraft blau, sondern die nasse Farbe, die sie zu sich runterzieht. Der Rest: Bleistift auf Papier. Raffiniert einfach. Einmal wachsen aus den strengen Linien, wo also ein Punkt (die Bleistiftspitze) exakt über eine Fläche geschoben worden ist, realistische Äste. Ist der Apoll auch hinter der Geometrie her gewesen?

Rinder sind arme Schweine

(cai) Ein berühmtes Zitat besagt (und ein Zitat ist ein Zitat ist ein Zitat ist ein Zitat): "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose." Es ist, was es ist. Okay, eine Pfeife ist nicht immer eine Pfeife, dafür ist eine Zigarre manchmal einfach nur eine Zigarre. Und ein Titel ist eben ein Titel. Ja, eh. Aber wie lautet denn jetzt der Titel von dieser Ausstellung? "Il titolo é il titolo." (Der Titel ist der Titel.)

Anneliese Schrenk kombiniert. Sie setzt Dinge, die sind, was sie sind (Haken für Rinderhälften zum Beispiel), neu zusammen zu markanten Objekten von roher, oft brutaler Ästhetik, die ebenfalls behaupten, sie wären lediglich sie selbst und nichts weiter. "8 Haken, 8 Löcher, 8 Bögen" heißt eines. Ein anderes schlicht "Reifen". Wobei dieser Hula-Hoop-Reifen quasi verspielt um den Ernst des Lebens (und der Fleischindustrie) kreist. Denn gehalten wird er von Fleischtransporthaken und einer Kälbergeburtshilfekette. "Schlachthausfreundmetallgeflecht": Ein langes Kompositum für eine noch längere Aneinanderreihung von Kleiderbügeln und Angelhaken, die am Ende ein Stahlnetz tragen, das freilich keine Fische fangen, sondern Stiche abfangen soll. Man spürt förmlich die 5,15 Kilo pro Quadratmeter, die am Hakenkonstrukt ziehen. Und dass das Ganze nicht bloß die Summe seiner Teile ist. Überall prekäre Verhältnisse und innere Spannung. (He, ein Kettenhemdchen mit Taubenabwehrstacheln! Ein Metoo-Bustier? Da kann kein Grapscher mehr "landen".)

Und auch für die Menschen sind die Zeiten hart. Armut, Obdachlosigkeit. Eine Hängematte wird zum provisorischen Zelt. Und die Privatsphäre wird von Tarnnetzen geschützt. Von imposanten Möbelüberwürfen, die hier die Sessel regelrecht überwuchern. Die sind gestrickt (Schrenk: "eine Praktik, um Frauen zu beruhigen"), doch nicht aus biederer Wolle. Nein, aus Haut. Tierhaut. Die Stricknadeln: eineinhalb Meter lange Stangen. Den AAA Design + Projects Space der Galerie Mauroner hat Anneliese Schrenk stimmig in eine strenge Kammer verwandelt, die den Besucher mit den Geschichten, die das Metall und das Leder erzählen, daran erinnert, dass es beim Essen um Leben und Tod geht.