"Zwei Damen in pink und blau", ca. 1912. - © Folkwang Museum
"Zwei Damen in pink und blau", ca. 1912. - © Folkwang Museum

"Das wird viel größer!" Das war der erste Gedanke von Kurator René Grohnert, nachdem er bei seinem Antrittsbesuch in Wien die Fundstücke von Beat Steffan gesichtet hatte. "Mir ist unmittelbar klar geworden, dass es nicht nur, wie angedacht, eine Plakatausstellung werden kann", führt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" weiter aus. "Dafür war der geborgene Schatz zu vielschichtig und daher die beste Gelegenheit das umfangreiche Oeuvre eines in Vergessenheit geratenen Universalkünstlers in einer Retrospektive zu präsentieren. Eine Ausstellung, die alle Ebenen seines Schaffens integriert!" René Grohnert ist Leiter des Deutschen Plakat Museums, ein Teil des Folkwang Museums in Essen, und war nach Wien gekommen, um ein von Beat Steffan auf dem Dachboden des Hauses seiner Mutter gefundenes Konvolut von Zeichnungen, Skizzen, Entwürfen und Plakaten des Künstlers Emil Pirchan zu sichten.

Drei Jahre Aufarbeitung

Beat Steffan ist der Enkel von Pirchan und die Truhen unter dem Dach waren Zeit seiner Jugend ein Mysterium für ihn. "Meine Mutter hat die Kisten mit nach Zürich umgesiedelt", erzählt Steffan im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Sie standen Jahrzehnte ungeöffnet da. Sie waren aber für meine Mutter so bedeutend, dass sie sie nie weggeworfen hat." Vor etwa fünf Jahren hat Steffan die Truhen geöffnet: "Der mysteriöse Inhalt hat mich immer interessiert, aber ich hatte nie ausreichend Zeit, mich damit zu beschäftigen", erinnert er sich. "Und nun habe ich die vergangenen drei Jahre intensivst damit verbracht, das Vermächtnis meines Großvaters, rund 1500 Zeichnungen, Skizzen und Originale, aufzuarbeiten, zu archivieren, die Ausstellung mitzubetreuen und einen umfangreichen Werkkatalog zu verfassen."

Wegweisender Grafiker

Emil Pirchan mit Masken in seinem Atelier in Berlin. - © Folkwang Museum
Emil Pirchan mit Masken in seinem Atelier in Berlin. - © Folkwang Museum

Wer war aber Emil Pirchan? Pirchan wurde 1884 in Brünn geboren und absolvierte unter anderem die Staatsgewerbeschule in Brünn und ein Architekturstudium in der Meisterklasse von Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Zeit seines Lebens war er ein künstlerischer "Hans Dampf in allen Gassen": Sein oft stilbildendes Werk reicht von der Architektur über die Gestaltung von Bühnenbildern bis zum Verfassen von über 40 Büchern. Erfolg hatte er auch als wegweisender Grafiker, Designer, Illustrator und Filmemacher (!). Er gründete ein Atelier für Architektur in München (1908) und war sowohl in Prag an der Akademie für Musik und darstellende Kunst als auch in Wien an der Akademie der bildenden Künste als Professor tätig. Er starb 1957.