Anatomie mit Schlafzimmerblick: "Adam & Venus" (Carmen Brucic). - © Galerie E. & K. Thoman/Carmen Brucic
Anatomie mit Schlafzimmerblick: "Adam & Venus" (Carmen Brucic). - © Galerie E. & K. Thoman/Carmen Brucic

Selbstporträt als fast alles

(cai) Fritz Bergler malt. Gut, das tun viele. Aber wenn er malt, kann man von dem, was nachher an der Wand hängt, echt nicht behaupten, das wäre ein Bild. Also: ein Bild. Es ist eher ein gewachsenes Puzzle aus Bild-ern. Plural. Oder eigentlich ein Puzzle aus Fragmenten von Bildern (und Texten).

Wobei sich manche Motive über mehrere Puzzlestücke ziehen, andere - nicht. Zuerst überfordern einen diese wandfüllenden Gewächse ja ein bissl, die sich über die Lukas Feichtner Galerie ausgebreitet haben. Weil sie anscheinend eine kurze Geschichte von fast allem erzählen. In einem angenehm weichen Realismus. Nämlich von Gott und der Welt handeln, von Leben und Tod, der Natur, dem Körper und was in ihm vorgeht. Sogar die Glühbirne aus dem Zimmer des Künstlers spielt mit. Lauter Ausschnitte aus dem Alltag, aus dem, was Bergler liest, was ihn beschäftigt. Die Familie taucht auf (die schlafende Tochter, seine Eltern, jung, bevor sie sich kennengelernt haben). Die Augen (und die beiden Gehirnhälften) müssen sich in dem Ganzen eben erst akklimatisieren. Doch dann schaut man vielleicht nicht nur, sondern sieht auch. Und wahrscheinlich ist sowieso der Weg das Ziel. (Das Betrachten, die Wahrnehmung.) Im Opus "Exit" auf jeden Fall. Bergler: "Da geht’s um Eingang, Ausgang - vom Mund bis zum Anus." Röntgenaufnahmen vom Gebiss, vom Gedärm. Eier. (Vogeleier. Die kommen ja ebenfalls hinten raus.) Und die verwaschenen Textfragmente? Wissenschaftliches und "teilweise so a Bauchgemurmel von mir". Ein sprachliches Hintergrundrauschen quasi, aus dem man ab und zu was aufschnappt. ("Muskeln im Kopf", "verrottet Dreifaltigkeit", "Erbmasse" . . .) Im Grunde alles Selbstporträts. Ich-Studien. Vielschichtig und lebendig. Und das Ich ist halt mehr als ein Gesicht im Spiegel.

Sezierte Frühlingsgefühle

(cai) Adam und? Die meisten würden jetzt wohl "Eva" antworten. Jedenfalls nicht "Venus". Aber Carmen Brucic ist nicht die meisten, sie ist Künstlerin. Und bei ihr hat der biblische erste Mensch eben was mit einer Liebesgöttin. Sonst hieße ihre Fotoserie in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman doch nicht "Adam & Venus", oder?

Nicht, dass sie die beiden in flagranti erwischt hätte. Die liegen eh brav (na ja, mehr oder weniger brav) in ihren eigenen - Vitrinen. Vitrinen? Ja. Die Tirolerin war in so etwas wie dem Wachsfigurenkabinett von Josef II. (Im Wiener Josephinum.) Und dort sind die Exponate viel freizügiger als in dem von der Madame Tussaud. Gewähren intime Einblicke. In ihr Körperinneres. Sind nackt bis auf die Knochen. Sozusagen. Weil es sich um anatomische Modelle handelt. In verstörend lebendigen Posen auf zerwühlten Leintüchern. He, der Lymphgefäßmann hat ja tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Adam in der Sixtinischen Kapelle. Nur dass er halt den Finger nicht ausstreckt. Und die geöffneten weiblichen Körper gingen locker als ruhende Venus durch. Mit laszivem Schlafzimmerblick. Eine trägt sogar eine Kette aus Venus-Attributen (Perlen).

Brucic seziert die Protagonisten ihrer Liebesgeschichte quasi noch weiter, zerstückelt sie, zoomt an eine weggeklappte Brust heran (oder löst die Leiber traumvisionär in Licht und Spiegelungen auf). Präpariert den ambivalenten Sexappeal dieser "Untoten" heraus. Eros und Thanatos. (Nein, kein Zombie-Porno.) Hat dabei im Hinterkopf Salvador Elizondos Roman über einen Chirurgen mit morbid-erotischen Fantasien: "Farabeuf oder die Chronik eines Augenblicks." Und wenn sie auf eine barocke Raumansicht gleich 58 Augenblicke projiziert (Dias, auf denen Louise MacDonald, in ein Korsett geschnürt, tanzend durch ebendieses Zimmer geistert), verschmelzen Sinnlich- und Vergänglichkeit lustvoll kontemplativ zu einer Art Totentanz. Bloß der Totenkopf auf der Kommode verweist auf den Tanzpartner. Der Körper, verwischt von der Bewegung, verflüchtigt sich, ist noch da und schon weg. (Wie lange dauert eigentlich ein Augenblick? Bis zum nächsten Blinzeln natürlich.)