Noch ist die Kunstgeschichte nicht tot - und ein Symposion über die berühmte Wiener Schule der Kunstgeschichte von 1852 bis heute lockte so viele an, dass vom Theater in den Festsaal der Akademie der Wissenschaften übersiedelt werden musste. 1852 wurde Rudolf Eitelberger von Edelberg - übrigens von September 1848 bis Jänner 1849 Chefredakteur der "Wiener Zeitung" und ein Fürsprecher der Pressefreiheit - Extra-Ordinarius des neuen Faches Kunstgeschichte.

Als "Wiener Vorlesung" im Rathaus war der Festvortrag den Ambivalenzen, Brüchen und Doppelstrategien im Werk jener Heroen Riegl, Wickhoff, Dvorak, Schlosser, aber auch Pächt und Demus gewidmet. Werner Hofmann, durch Ursula Pasterk schon anfang der neunziger Jahre zum "letzten großen Vertreter der Wiener Schule" erhoben, wollte seinen fulminanten Überblick auch "Die Gämse und das Alpenpanorama" nennen - die Metapher des nicht ganz freiwillig nach Hamburg abgewanderten Schülers von Swoboba blieb ein Motto der Tagung.

Es ist Fritz Polleross mit seiner Organisation - gemeinsam mit Institutsvorstand Michael Viktor Schwarz - gelungen, die Blicke von außerhalb ebenso zu Wort kommen zu lassen wie auch endlich die Zeit des Nationalsozialismus durch ein ausgezeichnetes Referat von Hans Aurenhammer faktisch klar offenzulegen. Über die dabei so umstrittenen Professoren Sedlmayr und Strzygowski wurden in allen Facetten kontroversiell diskutiert, wobei die aufkommende Emotionalität der "Spätgeborenen" durch die Aussage von Akademiemitglied Eva Frodl-Kraft, dass das illegale Parteimitglied der NSDAP, Hans Sedlmayr, sie noch nach In-Kraft-Treten der Nürnberger Rassengesetze zur Dissertation antreten ließ, kalmiert wurde.

Christopher Wood hielt aus dieser Sicht (New Haven) den wohl brisantesten Vortrag, der auch die dortigen Eliten nicht freisprach von "nordischen" mythischen Geschichtsbildern einerseits und einer "kultischen" Verehrung für die Theorien von Riegl andererseits. Wood hob die orientfeindliche Sicht Warburgs hervor, Viktoria Schmidt-Linsenhoff sah sich die männlich geprägten Künstlerlegenden in einer "Relektüre" des bekannten Buches von Ernst Kris und Otto Kurz in ihrem zeitgeschichtlichen Umfeld des Antisemistismus an (beide mussten emigrieren).

Ján Bakos aus Bratislava und Károly Kókai, der in Wien über das Werk Frederick Antals forscht, bereicherten den Blick um die Sicht aus unseren östlichen Nachbarländern, aus Deutschland sprachen Beat Wyss (Stuttgart), Ulrich Rehm (Bonn), Hans Körner (Düsseldorf) und der in Essen lehrende Österreicher Thomas Zaunschirm; Amerika und England vertraten u. a. Dorothea McEwan und Benjamin Binstock.

Die jetzigen "Wiener Schüler" haben, nach Martina Pippal, mit Günther Heinz schon die Lösung von rein stilkritischer Methode erlebt und endlich wieder eine außereuropäische Professur, die durch die vorgelegten Feldforschungsergebnisse von Deborah Klimburg-Salter und ihre Verweise auf historische Vorgängerinnen und ihre Kollegin Ebba Koch als Neubeginn gesehen werden kann. Auch Fotografie wird heute endlich gelehrt: Monika Faber vereinte damit auch den Blick zurück auf die Ausnahme des emigrierten Heinrich Schwarz mit dem im Motto der Tagung auch geforderten Blick in die Zukunft.